Wissen

10.06.20

Das schwarze Gold aus dem Entlebuch

Einheimische Holz­kohle ist heiss begehrt. Doch nur noch wenige be­herr­schen das Köhlerhandwerk.
zVg UNESCO Biosphäre Entlebuch, Simon Meyer
Feuer, Rauch und ein ge­schul­tes Auge für die kleinen Details: Nur so gelingt die Holzkohle.

Es riecht und raucht im Entlebuch – und da und dort sieht man in der Ge­gend von Romoos sogar von der Strasse aus einen Kohlen­meiler. In dieser Region wurde schon immer Holz­kohle her­ge­stellt. Ihre kul­tu­rellen Spuren reichen bis in die Jung­stein­zeit zurück. Denn Holz­kohle hat bei gleichem Brenn­wert nur ein Fünf­tel des Ge­wichts von Holz. Sie lässt sich leichter trans­por­tie­ren und lagern, und die Pro­duk­tion ergibt auch noch andere Pro­dukte, ins­be­sondere Teer, der in Skan­di­navien oft wichtiger war als die Kohle. Im Entlebuch gibt es deshalb rund 200 nach­ge­wiesene his­to­ri­sche Köhler­plätze, oft an ent­le­genen Orten mit viel Holz. Ab­nehmer waren Schmiede, Stahl­kocher und Glaser. Sie brauchten die Holz­kohle, weil die nötige Hitze mit Brenn­holz nicht er­reich­bar war. Im Weiler Bramboden, der zur Gemeinde Romoos gehört, gibt es denn auch ein Örtchen namens Glas­hütte, wo aus dem Schwarzwald ein­ge­wan­derte Familien zwischen 1741 und 1781 Glas her­stell­ten. Dann war der Wald ab­ge­holzt, und die Glas­macher zogen weiter nach Flühli und schliess­lich nach Hergiswil, wo die Glas­hütte noch heute existiert.


Zu Otto’s statt ins Stahlwerk
Die Köhler im Entlebuch mussten immer mal wieder andere Ab­nehmer suchen, erzählt Willy Renggli, einer der neun aktiven Köhler. Er betreibt die Köhlerei als Neben­er­werb zu seinem Bauern­be­trieb, bewir­tet auch Gäste neben seinem Meiler und hält die Kultur des Köhlerns am Leben. Bis in die 1970er-Jahre war der wich­tigs­te Ab­neh­mer das Stahl­werk von Moos in Emmenbrücke, heute Schmolz + Bickenbach. Zwar ar­bei­tete das Werk schon damals mit elek­tri­schen Schmelz­öfen, doch die Holz­kohle wurde gebraucht, um den Kohlen­stoff­gehalt in der Stahl­schmelze zu re­gu­lieren. Als das Werk auf andere Systeme um­stell­te, schien das Ende der Entlebu­cher Köhlerei gekommen.

Doch der Inner­schweizer Unter­nehmer Otto Ineichen mit seiner Laden­kette «Otto’s» hatte ein Herz für die regionale Pro­duk­tion und kaufte den Köhlern die Kohle als Grill­kohle ab. Dazu be­schaff­ten sie sich ge­mein­sam eine Maschine, mit der sie die Kohle in Säcke ab­füllen können. Nun reichen sie das Gerät von Köhlerplatz zu Köhlerplatz. Die Entlebucher Köhler pro­du­zieren so rund 120 Tonnen ein­hei­mi­sche Holz­kohle jähr­lich und helfen sich gegen­seitig wo immer möglich. Das grosse Dach über seinem Kohlen­meiler hat Willy Renggli auch ge­mein­sam mit einem anderen Köhler gebaut. So kann er im Trockenen arbeiten. Die Köhler im Entlebuch sind nicht Kon­kur­renten, sondern Partner, die das alte Hand­werk erhalten. Denn Absatz­pro­bleme haben sie keine.

 

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Köhlern ist Prä­zi­si­ons­arbeit mit Motor­säge, Holz und Feuer. Und weil die Nach­frage gross ist, legen die Entlebucher Meister Wert darauf, dass auch ihre Kin­der und Enkel Spass haben an der schwar­zen Kunst der Region.

Früh übt sich, wer ein Köhler werden will. Die Nach­frage nach Entlebucher Kohle ist so gross, dass die Köhler nie genug liefern können und Nach­wuchs­probleme haben.

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Ein kunst­voll ge­bau­ter Holzstoss
Allein Otto’s würde auch drei­mal so viel Kohle ab­neh­men, wenn die Köhler nur liefern könnten. Und auch andere Händler hätten die ein­hei­mi­sche Kohle gerne im Sor­ti­ment. Doch die Köhlerei ist viel auf­wen­dige Hand­ar­beit, bei der jedes Stück Holz mehr­mals in die Hand ge­nom­men wird. Das limitiert die Kapazität. Das fängt schon beim kunst­vollen Auf­schich­ten des Meilers an. Er kommt auf einen Rost aus Brettern und Latten zu stehen, unter dem die Luft hin­durch­ziehen kann. In der Mitte des Meilers formt Willy Renggli aus Scheitern von einem Meter Länge einen Kamin. Daran lehnt er lagen­weise weitere Scheiter an. Dann folgen eine zweite Lage, eben­falls mit Scheitern von einem Meter, und der Ab­schluss mit Halb­meter­scheitern. Ideal wäre Buchen­holz, doch das gibt es in dieser ge­bir­gi­gen Gegend kaum. Des­halb nimmt Willy Renggli, was da ist – Birke und vor allem Fichte. Schliess­lich wird der Meiler mit einer luft­dichten Schicht aus Ästen, Blättern, Erde und Kohlen­staub ein­ge­kleidet. Denn der Holz­stoss soll nur schwelen und nicht brennen. Das Wasser und flüchtige Stoffe sollen raus, aber der Brenn­wert soll drin­blei­ben. Der fertige Meiler enthält etwa 60 Ster Holz, und erst, wenn jedes Scheit genau am rich­tigen Ort sitzt, be­ginnt der ei­gent­liche Verkohlungsprozess.

 

Von oben nach unten und von innen nach aussen
Willy Renggli feuert den Meiler mit dünnen Ästen und feinem Holz im Kamin in der Mitte an – nur mit einem kleinen Feuer. Er kann den Kamin mit einem Deckel ver­schlies­sen, um die Tem­pe­ratur zu re­gu­lieren. Der Meiler brennt so von oben nach unten und von innen nach aussen, mö­glichst lang­sam und kon­trol­liert. Später stösst der Köhler von aussen mit einem Eisen rund­herum Löcher in den Meiler, damit mehr Luft hin­ein­ge­langt und der Schwel­brand im Innern der Luft folgt.

Rund 14 Tage dauert dieser Pro­zess, während dem Willy Renggli immer beim Meiler ist. Er muss alle drei bis vier Stun­den Brenn­holz nach­legen und schläft auch in seiner Köhler­hütte gleich neben dem Meiler. Nach und nach wird so das ganze Holz zu Holz­kohle, Manch­mal läuft Teer unten aus dem Meiler, als zähe, langsam er­star­ren­de Masse, die zeigt, wie ef­fi­zi­ent dieses Material im Schiff­bau und bei anderen An­wen­dungen ist. Nach dem Brand bleibt der Meiler noch etwa fünf bis sechs Wochen zu­gedeckt liegen, bis die ganze Kohle ver­packt werden kann. Zwei­mal pro Jahr macht Willy Renggli das, hin und wieder auch drei­mal, doch dann wird es eng mit der Arbeit auf dem Hof. Aber es wird hier sicher wei­ter­hin rauchen und riechen.


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