Mobilität

08.09.21

Der Ausläufer nimmt Anlauf für ein Comeback

Der Bote mit Velo ist ein Klassiker der Schweizer Gewerbewelt, und es wird höchste Zeit, dass er zurückkommt.
Unbekannt, Reproduktion des Museum Aimentarium
Maggi-Auslieferung per Fahrrad.

Noch bis in die 1970er-Jahre waren in der Schweiz Zehntausende «Ausläufer» für Metzgereien oder Lebensmittel­geschäfte auf Velos, dreirädrigen Lastenvelos oder mit Veloanhänger unterwegs. Auch Komiker Mike Müller startete seine Karriere als Ausläufer für eine Apotheke. Autos waren für Klein­lieferungen viel zu teuer, und viel weniger Leute als heute konnten Auto fahren.

 

Das Cargo-Velo entlastet die Städte
In alten Filmen und auf Fotos von europäischen Städten sieht man meist Dutzende von schwerbeladenen zwei- und dreirädrigen Velos, mit Anhänger oder Lastplattform. Die Suppen­fabrik Maggi war stolz auf ihre riesige Flotte von Lasten­fahrrädern, die Restaurants und Arbeiter­kantinen mit dem modernen Fertig­nahrungs­mittel belieferten.

Moderne Cargo-Velos könnten die alte Velo-Transport­welt zurückbringen. Sie würden Innenstädte und Wohnquartiere vom Liefer­verkehr entlasten. Drei solche Lasten­fahrräder haben etwa die Kapazität eines grossen Liefer­wagens. Sie sind viel schmaler und beweglicher, benötigen viel weniger Platz als Klein­busse und bringen die Pakete schneller zu den Kunden.

 

In der Schweiz sind nur 200 Kilo­gramm erlaubt, in der EU 250
Allerdings gibt’s ein Problem mit der Regulierung. Während in der EU ein Cargo-Velo ein Gesamtgewicht von 250 Kilo­gramm mit Fahrer aufweisen darf, sind es in der Schweiz nur 200. Das macht abzüglich des Fahrers und der relativ schweren Konstruktion mit dem Elektroantrieb weniger als 100 Kilogramm Nutzlast. Doch genau innerhalb der zusätzlichen 50 Kilogramm Nutzlast liegt oft die Grenze zwischen einem potenziell profitablen Betrieb und einem Defizit. Der VCS möchte deshalb die willkürliche Grenze von 200 Kilogramm an das EU-Mass anpassen. Schliesslich haben Schweizer Velofahrer nicht schmächtigere Beine als jene in der EU, und Mike Müller gilt nicht mehr als Standard­ausläufer. Die Verschiebung der Gewichts­limite würde in den Städten einen massiven Unterschied machen, wenn am Vormittag nicht mehr Dutzende grosser Lieferautos die Innenstädte verstopften, sondern 60 bis 80 Prozent aller Güter für Läden und Lebens­mittel für Restaurants per Velo ankämen. Dem klassischen Studenten-Ferien­nebenjob als Ausläufer stünde damit ein glorioses Comeback bevor.

 


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