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13.06.21

Der Dreh mit der Faser im Mückennetz

In Kunststofffäden integriertes Insektizid ist der sicherste Schutz vor Malaria.
Alamy / iStock
Moskitonetze sind der effizienteste Schutz vor Malaria.

Malaria ist nach wie vor eine der schlimmsten tropischen Krank­heiten. Sie fordert rund 500 000 Tote jährlich. Vor zehn Jahren waren es aller­dings noch zwei Millionen – und vor 50 Jahren fast keine. Damals hatte das von der Basler Chemiefirma J.R. Geigy & Co entwickelte Insektizid DDT die Malaria in vielen Ländern beinahe voll­ständig ausgerottet – und mit ihr vieles mehr. Für die heraus­ragende Wirkung des Mittels erhielt der Chemiker Paul Hermann Müller 1948 den Nobelpreis für Medizin – eine Aus­zeichnung, mit der man sich heute bei der Geigy-Nachfolgerin Syngenta ziemlich schwertut. Doch mit dem Verbot von DDT kam auch die Krankheit zurück, schlimmer als je zuvor. Mittler­weile werden wieder grosse Beträge in die Entwicklung neuer Medikamente investiert. Doch der billigste und sicherste Schutz vor Malaria ist, wenn die Menschen gar nicht erst von den Mücken gestochen werden, welche die Krankheit übertragen. Und das geht am besten mit Mückennetzen.

 

Insektizid verschmutzt alles
Mückennetze sind ein ebenso günstiger wie effektiver Malariaschutz, insbesondere wenn man sie mit einem Insektizid kombiniert. Und genau hier liegt das Problem. Insektizide sind giftig, und wenn man die Mücken­netze hin und wieder wäscht wie die Bettwäsche, dann wäscht man auch das Insektizid aus. Dieses gelangt dann in die Umwelt wie schon das DDT. Das ist vor allem bei konven­tionellen Netzen ein Problem, die nach­träglich mit Insektizid bearbeitet wurden. Ohne Insektizid verlieren sie einen wichtigen Teil ihrer Wirkung und müssen neu mit Insektizid imprägniert werden.

Das geschieht in vielen Regionen, indem man ein kleines Erdloch gräbt und mit Wasser füllt, Insektizid ins Wasser mischt und die Netze darin einweicht. Das Prozedere ist sehr weit verbreitet, und die Gifte gelangen in grossen Mengen ins Wasser, in den Boden und ins Essen. In der Basler Chemie, wo man sich traditionell mit dem Färben von Stoff befasste, hatte man bei Sandoz, einer der Vorgänger­firmen des heutigen Pharma­giganten Novartis, schon länger die Idee, Textilien nicht mehr in einen Bottich einzu­tauchen und zu hoffen, dass sie die Farbe annehmen.

 

Wirkstoff in den Fäden
Stattdessen wurde ein Prozess entwickelt, bei dem die Farbe als fester Stoff direkt in die Kunst­stoff-Fäden integriert wird. Doch es muss ja nicht unbedingt Farbe sein, die man in die Faser einspinnt. Es kann jeder beliebige feste Stoff sein. Und Insektizide gibt es auch als relativ feste Stoffe. Daraus entstand die Idee, «aktive» Textilien herzu­stellen. Francis Baud, Marketing­chef «Masterbatches» bei der US-Firma Avient mit Filiale in Muttenz bei Basel, kümmert sich mit grossem Engagement um die Netze und ist mittlerweile einer der grossen Spezialisten in der Malariaprävention.

Er erinnert sich an die Skepsis, die ihm entgegen­schlug: «Insektizide sind giftig und der Inbegriff der alten Chemie, mit der man nichts mehr zu tun haben wollte», sagt er. Doch es funktionierte. Die so hergestellten Mücken­netze geben das Insektizid in minimalen Dosen ab. Sie sind auch nach Dutzenden von Wasch­gängen noch immer wirksam, genauso wie man moderne Textilien immer wieder waschen kann, ohne dass sie die Farbe verlieren. Zur Her­stellung der Netze werden Polyethylen, Insektizid, Farb­stoffe und andere Additive gemischt und zu einem Granulat verarbeitet. Dieses wird dann zu einer sogenannten Mono-Filament-Faser gesponnen, deren Kunst­stoff letztlich aus nur 0,55 Prozent Insektizid besteht. «Die neuen Netze sind viel einfacher anzuwenden und ein riesiger Fortschritt», sagt Francis Baud. «Anfangs wollten wir es patentieren, doch intern hiess es , das sei ja nichts Neues. Als sich dann der Erfolg einstellte, fragte man uns im Unter­nehmen, weshalb wir das nicht patentiert hätten.»

 

Ohne Netze kommt die Malaria zurück
Francis Baud arbeitet eng mit der Weltgesundheits­organisation WHO zusammen, die den Regierungen Hersteller von Netzen empfiehlt, welche Fasern von Clariant enthalten. Denn Mücken­netze sind kein Detail­handels­geschäft. Ein Netz kostet lediglich etwa 2.50 Dollar, die Regierungen machen Aus­schreibungen, kaufen sie in grossen Mengen und verschenken sie dann. Oft werden die Netze auch von Hilfs­organisationen wie USAID, Unicef oder von in den Malaria­gebieten aktiven NGOs verteilt. Das ist wichtig, denn: «Sobald es keine Netze mehr gibt, kommt die Malaria zurück», sagt Francis Baud. Das sähe man immer wieder in Gebieten, in denen die Krank­heit eingedämmt scheint und die Menschen nach­lässig werden. Die Materialien für Mücken­netze sind deshalb kein grosses Geschäft. Für Francis Baud sind sie aber eine Herzens­angelegenheit. Doch es war auch ein grosser Aha-Effekt, als man realisierte, dass man mit einem Färbesystem nicht nur Farbe, sondern auch sehr lange haltbare chemische Wirk­stoffe oder andere Elemente in Textilien integrieren kann. Man muss den Faden nur weiterspinnen.

 

Statt dass Moskito­netze regelmässig in Insektizid getaucht werden, wird bei modernen Systemen das Insektizid direkt in den Kunst­stoff integriert. So gelangt es nicht in die Umwelt und bleibt mit bei viel kleineren Dosen viel länger wirksam – selbst im improvisierten Nachtlager.
Textilfabriken beziehen direkt ein speziell für Moskitonetze hergestelltes synthetisches Garn.
Mücken sind in feuchtwarmen Gebieten die wichtigsten Krankheitsübertrager.

 


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