Wissen

12.03.20

Der Stoff der unendlichen Möglichkeiten

Bakelit war der erste industriell her­stell­bare Kunst­stoff und brachte Strom und Gebrauchs­gegen­stände in jeden Haushalt.
Christian Aeberhard
Telefone, Koffer, Schreib­maschinen: Fast alles, was den Menschen bis etwa 1970 in die Hände kam, war aus Bakelit.

Die liegende Acht, das Zeichen für «unendlich», ist das Logo von Bakelit, dem Material der un­end­lichen Mög­lich­keiten, wie es sein Erfinder, der Belgier Leo Hendrik Baekeland, ab 1906 anpries. Diese unendlichen Mög­lich­keiten zeigt Jörg Joseph Zimmermann in seinem Bakelit-Museum in Arlesheim (BL).

 

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Jörg Joseph Zimmermann hat alles ge­sam­melt, was aus dem Wunder­werk­stoff Bakelit her­ge­stellt wurde.

 

Im Bakelit-Museum in Arlesheim lebt der All­tag unserer Gross­eltern weiter.

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Der erste industrielle Kunst­stoff bestand aus Phenol und Formal­dehyd, Neben­produkten der Stein­kohle- und Holz­kohle­ver­ar­bei­tung, sowie Zuschlag­stoffen wie Stein­mehl, Textil­fasern oder Säge­spänen. Nach dem Aus­laufen des Patents im Jahr 1927 begann weltweit ein Bakelit-Boom, dessen sentimentale Reste eine riesige Halle füllen. Da gibt es Steck­dosen im Art-déco-Stil, Staub­sauger, Schreib­maschinen, Radio­geräte und natürlich die legendären schweren, schwarz glänzenden Telefone in allen Varianten. Wo Strom war, war auch Bakelit. Der billig her­zu­stel­len­de, elektrisch isolierende Kunst­stoff machte die Pro­duktion von elektrischen Geräten einfacher und viel billiger.

 

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Die schweren Bakelit-Telefone der Schwei­ze­ri­schen PTT gehörten in jeden Haushalt.

 

Geschirr oder Staub­sauger, Bakelit er­mög­lich­te tiefe Preise und hohe Stückzahlen.

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Die Geräte aus Bakelit erzählen Geschichten, aber auch Geschichte. In beiden Welt­kriegen war Bakelit oft Ersatz für teurere Metalle, etwa bei Zelt­heringen, und es half der Propaganda. Ein billiges Radio­gerät aus Bakelit, der «Volksempfänger VE301», im Volks­mund «Goebbels-Schnauze» genannt, brachte Hitlers Ideologie in jedes Haus. Über Stalingrad liessen die Nazis säckeweise Orden aus Flug­zeu­gen abwerfen. Jeder konnte sich bedienen, mit Eisernen Kreuzen – aus Bakelit. Das Museum in Arlesheim zeigt so nicht nur die unendlichen Mög­lich­keiten des Werk­stoffs Bakelit, sondern auch die unendlichen Geschichten, die der Werkstoff erzählt. bakelit.ch

 

Das Bakelit-Museum weckt Er­in­ne­run­gen an viele kleine, ver­ges­sene Details des täglichen Lebens – etwa an Gross­mutters Küchengeräte.
Als die Kisten sprechen lern­ten, wurde Bakelit Teil der sich ent­wi­ckeln­den Medien- und Informationsgesellschaft.
Das klassische Wand­te­le­fon, nur echt mit den beiden Klingeln und dem Haken fürs Telefon­buch. Und «aufhängen» war beim Hörer wört­lich gemeint.
Was an den Radio­emp­fän­gern aus­sieht wie edles Holz, ist immer Bakelit.
Mit den Waffen des Coiffeurs ent­stan­den die Haar­tür­me der 60er. Der Himmel hängt voller Föhne im Bakelit-Museum in Arlesheim.

 


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