Wissen

09.09.20

Der vergessene Baustoff

Stein ist schön und öko­logisch und kann sehr viel Beton ersetzen.
Alamy / Richard Semik / Felix Friedmann / iStock
Die mitt­ler­weile unter Denk­mal­schutz stehende Felsen­therme von Archi­tekt Peter Zumthor in Vals ist be­rühmt für die Ver­wen­dung von lokalem Quarzit. Der Stein wurde früher ledi­glich zu Bahn­schotter verarbeitet.

Jeder kennt einen Stein­metz. Er trägt weiss-blau ge­streif­te Hosen und ist als Kind in einen Kessel mit Zauber­trank ge­fallen. Doch wozu Stein­metze fähig sind, neben Fassaden, Küchen­ab­deckungen und Hinkel­steinen, ist in der Bau­branche weit­gehend vergessen gegan­gen. In struk­tu­rell tragender Funktion kommt Stein in neuen Ge­bäuden kaum mehr vor. Dabei ist Stein hoch­modern – seit Jahr­tau­senden. Die Stein­metze der Antike nahmen die moderne Fertig­bau­weise vorweg. Sie bauten ihre Tempel aus vor­ge­fer­tigten Stein­rädern, die sie auf der Bau­stelle zu Säulen stapelten.

 

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Die Griechen per­fek­ti­onierten die vor­in­dus­trielle Serien­pro­duktion von Stein­pro­dukten. Sie stapelten die Säulen ihrer Tempel aus vor­ge­fertigten Stein­­ele­menten auf­ei­nan­der. In den Ruinen von Selinunt auf Sizilien ist das deut­lich er­kenn­bar, ebenso wie die Löcher, in denen mit Holz­keilen Haken ein­ge­hängt wurden, um die Steine mittels Seil­zügen an ihren Platz zu hieven.

 

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Die Mischung machts…

 

Dank dem Bau des Canal du Midi in Süd­frankreich im 17. Jahr­hundert wurden vor­pro­du­zierte Brücken fix­fertig nach Paris geliefert – jeder Stein markiert, zusammen­bau­en, fertig. Zu besonderer Meister­schaft brachten es britische Leucht­turm­bauer. «Fastnet Lighthouse» am südlichsten Punkt Irlands wurde zwischen 1897 und 1904 gebaut, aus präzise ge­schnit­tenen Granit­klötzen, die mit Schwalben­schwanz­profilen inei­nan­der­greifen. Sie machen den Turm zu einem einzigen grossen Mono­lithen.

 

Die Kirche «San Giovanni Battista» in Mogno von Mario Botta ist eine mo­derne In­ter­pre­tation der klassischen Tessiner Steinbaukunst.

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Am neuen Londoner Wohn- und Ge­schäfts­haus «15 Clerkenwell Close» des Architekten Amin Taha be­stehen alle tra­gen­den Ele­mente aus bereits im Stein­bruch präzis zu­ge­schnitt­enen Steinblöcken.

 

Mit modernen Maschinen lassen sich grössere, präzisere Blöcke direkt im Stein­bruch zu­schnei­den. Das Resultat sind spek­ta­kuläre Bauten, in denen der Stein sehr viel Beton ersetzt. Das ist dauer­hafter und viel öko­lo­gischer. Fürs Zusägen und für den Trans­port des Steins werden rund 85 Pro­zent weniger Treib­haus­gase emittiert als bei der Beton­pro­duk­tion. Führend in dieser neu-alten Technik sind französische Stein­brüche. Obelix wäre stolz darauf. Zur Aus­bildung seiner Kollegen gehört auch das Wissen über struk­tu­relle Eigen­schaften des Steins. Frankreichs Stein­brüche geben ihren Pro­dukten deshalb Festigkeits­zer­ti­fikate mit. Das macht es für Architekten viel einfacher, ihre neuen Stein­gebäude richtig zu di­men­si­onieren. Will­kommen in der neuen Stein­zeit, beim Teutates!

 

Der Land­wasser­viadukt der Rhätischen Bahn ist ein be­son­ders schönes Bei­spiel klassischer Stein­bau­kunst.
Die Burgen in der Schweiz, hier in Bellinzona wurden von virtuosen Maurern gebaut.
Trocken­mauern funk­ti­o­nie­ren auch bei mo­der­nen Sakral­bauten, hier einer Moschee (Sancaklar Moschee, Istanbul).

 


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