Nachhaltigkeit , Wissen

19.11.20

Flims hat eine eigene Ölquelle

Das Wasser der Kraftwerksanlagen in Flims erzeugt nicht nur wertvollen Strom, sondern dient dem Dorf zusätzlich als Wärmequelle.
iStock / zVg Flims Electric
Das warme Wasser für das Anergie-Netz Flims wird seit mehr als 100 Jahren für das lokale Wasserkraftwerk gefasst.

Es gab Zeiten, da träumte in der Schweiz jede Gemeinde von einer Ölquelle auf ihrem Gebiet. Mittler­weile sind die meisten froh, dass hier die Geo­logie kein Öl hergibt. Flims hat aber etwas gefunden, was genauso wertvoll ist, nur sauberer: ein Anergie-Netz. Solche Systeme liefern Primär­energie für Fernwärm­enetze. Wasser mit relativ tiefen Temperaturen wird so mittels Wärme­pumpen für Heiz­zwecke nutzbar gemacht. Anergie-Netze sind vor allem in der Nähe von Seen populär geworden. Es geht aber auch mit Wasser aus be­stehenden Wasser­fassungen von Kraft­werken, wie das neue Anergie-Netz in Flims zeigt.

Flims und die Region Sardona sind ein bekanntes Karst- und Felssturz­gebiet. Hier verschwindet Wasser plötzlich in Dolinen und Höhlen und taucht an einem völlig anderen Ort wieder auf. Geo­logisch betrachtet sind etwa 20 Prozent der Schweizer Oberfläche verkarstet. Karst ist die Bezeichnung für alle Gesteins­formen, die durch Lösungs­ver­witterung (Korrosion) in Kalk- und Gips­gesteinen entstehen. Wasser und CO2 aus der Luft bilden dabei eine zer­setzende Lösung, die über Jahr­tausende auch für unsere Höhlen­systeme verantwortlich sind. In der Schweiz existieren über 8000 Karst­höhlen. Das Hölloch im Kanton Schwyz ist mit rund 220 km die acht­längste Höhle der Welt. Bohrungen für Erd­sonden sind in stark verkarsteten Gebieten, wie in Flims, häufig nicht mehr möglich, weil man nie weiss wohin sich das Wasser ver­flüchtigen würde. Zudem können solche Bohrungen in geologisch empfind­lichen Regionen im Unter­grund unkontrollier­bare Prozesse auslösen. Das ist beispiels­weise im süddeutschen Städtchen Staufen passiert, wo sich der Untergrund unter der Altstadt nach einer Sonden­bohrung für eine Wärme­pumpe beim Rathaus bis zu einem Meter gehoben oder gesenkt hat. Dutzende Häuser wurden buchstäblich zerrissen. Und auch in der Region Flims Laax Falera hat sich nach Arbeiten im Unter­grund, ins­besondere mit dem Bau des Umfahrungs­tunnels einiges verändert. So schwankt der Wasser­stand ver­schiedener Berg­seen in Flims, ins­besondere jener des malerischen Caumasees nun viel stärker als früher.

 

Das warme Wasser kommt aus den Felsen des Flimsersteins (hinten) und wird durch Wärmetauscher leicht abgekühlt. Dies ist auch aus ökologischer Sicht sinnvoll, da viele Fische warmes Wasser schlecht vertragen.
Für das neue Fernwärmenetz waren nur relativ wenige zusätzliche Installationen nötig.

 

Das Wasser ist fürs Kraftwerk schon gefasst
Doch für Regionen mit solch schwierigem Untergrund hat Flims nun eine andere Art der Erdwärme entdeckt. Denn Wasser, das aus den Karst­sytemen austritt und ohnehin schon auf die eigenen Kraft­werke geleitet wird, lässt sich mit Wärme­tauschern von rund sieben Grad auf zwei Grad abkühlen, wie Martin Maron, Geschäfts­leiter von Flims Electric erklärt. Hoch­leistungs­wärmepumpen bringen es dann auf rund 75 Grad und speisen damit ein neues Fern­wärme­netz. Seit 1904 steht mitten im Dorf Flims das Wasser­kraftwerk Stenna. Neu wird deshalb mit diesem Wasser nicht nur Strom produziert, sondern vor der Rückgabe in den Flembach auch noch wertvolle Wärme gewonnen.

Flims Electric baut das Fernwärme­netz in mehreren Etappen. Mit der ersten, bereits fertig­gestellten Etappe wurde als grösster Abnehmer das neue Stenna-Zentrum, ein riesiges Bauwerk das mit einem Budget von 200 Millionen Franken erstellt wurde, erschlossen. Das Stenna-Zentrum verfügt über Läden, Restaurants, ein Hotel, Ferien­wohnungen, Kino und Arztpraxen. Dazu kamen weitere grosse Liegen­schaften wie Schulen und Berg­bahnen in der näheren Umgebung. Sie alle erhalten nun nebst ökologisch produziertem Strom auch ihre Heizwärme direkt aus dem Berg – dank der Wärme des bereits gefassten Wassers der Kraft­werke. Lediglich für die extremen Spitzen und als Not­heizung gibt’s noch einen Ölheiz­kessel. Doch der war laut Martin Maron im letzten Jahr während weniger als einem Prozent der Zeit im Einsatz

 

Holzschnitzelheizung zur Deckung der Lastspitzen
Für die nun folgenden Erweiterungen ist eine Wärme­energie­zentrale geplant, mit der auch die Deckung der Last­spitzen mit einem erneuer­baren Energie­träger gewähr­leistet werden kann. Als Ergänzung zu den Hoch­leistungs­wärme­pumpen, welche mit Wasser aus den Karst­systemen versorgt werden, soll bei der neuen Bau­etappe eine Holz­schnitzel­heizung die Aufgabe zur Spitzen­last­deckung in den kalten Winter­monaten über­nehmen. Sie wird ihr Brenn­material direkt aus dem Flimser Wald beziehen.

Insgesamt kann Flims Electric mit ihren Fernwärme­projekten jährlich rund zehn Gigawatt­stunden erneuer­bare Wärme aus dem Berg holen. Das ent­spricht der Wärme­energie von einer Million Litern Heizöl pro Jahr, und das allein mit der cleveren Erschliessung bereits vorhandener Bauwerke. Das ist wie eine eigene Ölquelle. Nur besser.

 


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