Mobilität

10.06.20

Grosses Kino im Schlaf­wagen

Klima­be­wusst­sein, po­li­ti­scher Druck und die Corona-bedingte Krise des Luft­ver­kehrs geben den Nacht­zügen neuen Schub. Die Ös­ter­rei­chischen Bundes­bahnen haben bereits kom­plett neue Züge be­stellt.
Alamy / iStock / zVg ÖBB
Die aktuellen Liege­wagen sind teil­weise etwas an­gestaubt – und doch be­deu­ten sie für viele den An­fang der grossen Frei­heit und die erste grosse Liebe.

Was wären Film und Literatur ohne Schlaf­wagen! Agatha Christie liess im Orient-Express morden, bei Alfred Hitchcock ver­schwin­det in «The Lady Vanishes» das ver­meint­liche Opfer einfach aus dem Zug. Schlaf­wagen sind grosses Kino und Welt­literatur gleich­zeitig. Und sie sind wie diese beiden Dinge auch in den letzten Jahren etwas aus der Mode ge­kommen. Die Deutsche Bahn und die SBB schafften ihre Nacht­züge nach und nach ab, der Talgo-Hotelzug von Zürich nach Barcelona ist ver­schwunden, und auch die «Kurswagen» gibt es seit ein paar Jahren nicht mehr: einzelne Schlaf­wagen, die an be­stimmten Bahn­höfen an andere Züge ge­hängt wurden. Jener mit der Auf­schrift «Basel–Moskau» löste immer au­to­ma­tisch Fern­weh aus. Bis Peking be­deu­tete das gerade mal ein einziges Mal um­steigen.

 

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«Wo ist nun der Mörder, Miss Marple?» Nacht­züge erzählen Ge­schich­ten, und in ihnen werden Ge­schich­ten erzählt. Ob Agatha Christies Mörder oder Ian Flemings Spione, kaum kauft man ein Ticket für einen Nacht­zug, steigen Hercule Poirot und James Bond eben­falls mit ein – erst recht in den spek­ta­ku­lären Waggons des Orient-Express.

 

Der Liege­wagen heisst so, weil man darin nicht schlafen kann
Doch das war etwas für Bahn­ro­man­ti­ker. Die Ef­fi­zi­enz­fa­na­tiker bei SBB und DB rechneten mit spitzem Blei­stift, ver­glichen ihre Preise mit jenen von EasyJet und ent­schieden: zu teuer, zu kom­pli­ziert, gestrichen – der legen­däre Nacht­zug nach Rom, aber auch die City-Night-Line-Strecken in alle Himmels­rich­tun­gen. Denn das Roll­material war alt und ver­braucht und hätte drin­gend ersetzt werden müssen, und die Kund­schaft wurde auch weniger, zumal die Millennials mit Billig­flie­gern und Mini­vans gross geworden sind und des­halb lange Zug­reisen kaum mehr kennen. Zudem ist es nicht jeder­manns Sache, sich mit wild­fremden, un­ter­schied­lich riech­en­den Leuten ein Abteil zu teilen, auch wenn man mit ihnen oft nach kurzer Zeit auch Proviant, Süssig­keiten und Lebens­ge­schichten teilt. Eine Nacht im Sitz­wagen ist eine Qual, die ei­gen­tlich nur an­ge­fressene Öko­freaks und unter­fi­nan­zier­te Inter­railer aus­halten. Und der Liege­wagen heisst Liege­wagen, weil man darin zwar liegen, aber mit grösster Wahr­schein­lich­keit nicht schlafen kann. Die wirklichen Nacht­zug­le­gen­den ranken sich denn auch vor allem um die lu­xu­ri­ösen Schlaf­wagen, deren Tickets aber meist deutlich über jenen von Flügen liegen. Genau da haben Bahn­manager ge­rech­net, und es ist ein Minus herausgekommen.

 

Fokus_Zusatz_SliderTausend Dank an Österreich: Die Öster­reich­ischen Bundes­bahnen haben die euro­pä­ischen Nacht­züge ge­rettet und damit den Grund­stein gelegt für die Renaissance des klima­freund­lichen Reisens durch die Nacht.

 

Österreich lag beim Schlaf­wagen goldrichtig
Doch da waren auch die Öster­reich­ischen Bundes­bahnen. In ihrer Rechnung re­sul­tierte ein Plus. Sie über­nahmen ab 2016 relativ über­raschend die City-Night-Line-Züge von der DB und den SBB und be­trei­ben sie nun als Night-Jet weiter. Nicht nur das, sie be­stell­ten sogar 13 neue Züge, mit mo­der­nen Mini-Suiten, mehr Kom­fort, mehr Duschen und Toi­let­ten, Gratis-WLAN und ohne den 70er- und 80er-Charme der alten Züge. Nun sollen die Pas­sa­giere sogar im Liege­wagen schlafen können. Europas Bahn-Apparatschiks be­lä­chel­ten den Ent­scheid: «Wie kann man nur der­massen falsch­liegen?»

 

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Der Nacht­zug kann auch modern – mit WiFi und ei­ge­ner Dusche und Toilette. Ab Ende 2020 ist es bei der ÖBB so weit. Bereits seit Frühling 2019 gibt es den le­gen­dären «Caledonian Sleeper» als modernen Hotel­zug mit kom­plett neuer Innen­architektur zwischen London und Schottland.

Ein wichtiges Ritual im Schlafwagen: früh­stück­end in die Land­schaft und den Tag hineinrollen.

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Dann kam Greta. Die ÖBB lagen gold­richtig, die anderen Bahnen da­gegen voll da­neben und im fal­schen Flieger. Ge­mein­sam mit Flug­scham wurden Nacht­züge wieder populär, und nun sollen die anderen Bahn­ge­sell­schaf­ten, teil­weise sanft geschoben von ihren Wählern und Politikern, die Nacht­züge wieder ins Pro­gramm nehmen und neues Roll­ma­te­rial be­stellen. Doch das wird noch ein paar Jahre dauern, während die ersten neuen öster­rei­chi­schen Züge schon Ende 2020 bereit sein werden. Sie werden auch via Zürich und Basel von Wien aus nach Hamburg und Berlin fahren. Aber das Netz ist lo­gi­scher­weise ös­ter­reich­zen­triert. Am besten aus allen Himmels­richtungen er­schlos­sen ist Salzburg.

 

E-Autos haben mehr Reich­weite mit dem Autozug
Neben den grossen staatlichen Bahnen, die nun langsam ihre Schaf­wagen­planung wieder auf­nehmen, gibt es auch private Nacht­zug­be­treiber. So hat die Firma Bahn­touristik­express den bei Skan­di­navien-affinen Ur­lau­bern besonders po­pu­lären Auto­reise­zug Lörrach–Hamburg Altona von der DB über­nommen, als diese den Dienst ein­stellen wollte. So fährt man nun im Familien-Schlaf­wagen­ab­teil nord­wärts, während das Auto auf den hinteren Waggons mit­rollt. Das spart Treib­stoff und Nerven auf den deutschen Auto­bahnen und bedeutet für Elektro­autos eine massive Reichweitenverlängerung.

 

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Kein Ver­gleich mit dem leicht ver­siff­ten Flug­hafen LAX: Der Bah­nhof «Union Station» in Los Angeles ver­sprüht die Grandezza des Art Déco. Draussen geht es im gleichen Stil weiter mit Palmen und toller Ar­chi­tek­tur – be­son­ders spek­ta­kulär nach einer langen Fahrt mit dem Nacht­zug von Houston durch die Wüsten von Texas und New Mexico.

Solche Reisen wecken den Appetit auf mehr, ins­be­sondere auf Reisen in den wirklich grossen Schlaf­wagen­ländern Russland, China, Indien, Süd­afrika oder den USA. Ja, gerade die USA sind eines der schönsten Schlaf­wagen­länder. In den USA wurde die Bahn­infra­struk­tur in den letzten Jahren massiv aus­gebaut – aller­dings praktisch aus­schliess­lich für den Güter­verkehr. Des­halb haben Güter­züge immer Vor­tritt. Die staat­liche Pas­sa­gier-Bahn­ge­sell­schaft Amtrak ist le­gen­där defizitär und le­gen­där stil­voll, mit ihren Art-déco-Bahn­höfen und 1930er-Jahre-Uniformen. Die Schlaf­wagen­abteile sind gross und das Essen im Speise­wagen besser als in vielen sehr guten Res­tau­rants. Bei Amtrak wird nämlich nicht nur auf­ge­wärmt, sondern richtig ge­kocht. Und da fährt man dann so als Pas­sa­gier in einem der drei wöchen­tli­chen Züge zwischen Houston und Los Angeles durch einen un­end­lich langen und doch viel zu kurzen Sergio-Leone-Western. Grosses Kino, mit Bett und Verpflegung.

 

Haben Sie wirklich bis hier­her gelesen? Schreiben Sie mir eine Mail an schwander@infel.ch, dann schicke ich Ihnen eine Tafel Schokolade.

 

Autozug Lörrach–Hamburg
bahntouristikexpress.de/autoreisezug

 

ÖBB-Nachtzüge
nightjet.com

 

Russland hat das längste Schie­nen­netz der Welt, und die meisten Lang­strecken­züge sind Nacht­züge. Es gibt aber auch eine schnelle Eurocity-Ver­bindung mit Neige­zügen zwischen St. Petersburg und Helsinki.
eng.rzd.ru

 

Die USA per Bahn zu ent­decken, ist noch immer ein Geheimtipp.
amtrak.com

 

Auf der Interrail-Website sind auch alle euro­pä­ischen Nacht­züge aufgeführt.
interrail.eu

 


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