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08.09.22

Im Tal von Holz und Eis

Das Tal der verschobenen Häuser lockt mit grandioser Landschaft und faszinierender Architektur.
iStock / zVg Lenk-Simmental Tourismus AG
Velofahren zwischen Wiesen und prächtigen Chalets.

Das Simmental ist ein Tal des Holzes, speziell der Fichten. Am Zugfenster ziehen Wälder vorbei und immer wieder Sägereien, vor denen dicke Stämme liegen und wo sorgfältig gestapelte Bretter und Balken zum Trocknen aufgeschichtet sind.

Tal der schönen Brücken
An der Lenk endet die Bahn in einem grossen Bahnhof – und einem Stumpengleis. Der Schweizer Schmalspurboom erreichte das Dorf 1912. Die Bahn hätte über das Hahnenmoos bis Adelboden und Frutigen weiterfahren sollen, doch der Erste Weltkrieg verhinderte das. Das weite, flache Tal lädt ein zum Flanieren und zum unangestrengten Velofahren auf vielen Kilometern Radwegen weitab von der Kantonsstrasse – mit einem besonderen Vorteil: Es gibt viele gedeckte Holzbrücken, auf denen sich ein spontanes alpines Gewitter angenehm trocken geniessen lässt. Neben den Holzbrücken findet man im Simmental aber auch ein Bijou aus Beton: Die Garstattbrücke der Kantonsstrasse wurde 1939 vom Berner Betonkünstler Robert Maillart gebaut, der spezialisiert war auf Betonkonstruktionen, die mit minimalem Materialaufwand maximale Tragkraft ermöglichten.

«Wir sind das Tal mit dem schönsten Ende», erzählt Dorfchronist Hans-Ueli Hählen und zeigt auf die spektakulären Felswände, die unvermittelt aus der Ebene steigen, gekrönt von drei Gletschern. Einer dieser Gletscher ist die Plaine Morte, der grösste Plateaugletscher Europas, dessen Eis noch immer bis zu 200 Meter dick ist und der für dieses keinen eigentlichen Gletscherabfluss hat. Darum bilden sich auf dem Gletscher immer wieder Gletscherseen, die unvermittelt ausbrechen können. Das geschah 2011 und 2019 mit den Ausbrüchen des Favergesees, worauf die Simme an der Lenk an einem sonnigen Sommertag innert Minuten um mehrere Meter anstieg. Hans-Ueli Hählen war danach involviert in ein Projekt, den Gletschersee über einen sicheren Kanal kontrolliert zu entleeren.

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Die Plaine Morte ist der grösste Plateaugletscher Europas.

Dieses Bauprojekt hat das Tal gerettet, doch ein anderes hätte es beinahe ruiniert: Mit dem grossen Autoboom, der auf den Bahnboom folgte, plante die Schweiz die Autobahn A6 durch das für breite Strassen und Armeeflugplätze so einladend weite Tal. Die Bevölkerung hat sich gegen den Strassenmoloch gewehrt und sich doch bereits darauf vorbereitet: Die Talstation der Bergbahn Metsch liegt etwas verloren ausserhalb des Dorfs – da, wo südlich des Dorfs eine Autobahnausfahrt auf einen riesigen Parkplatz geführt hätte. Gerettet wurde das Tal dann auch durch den Zufall: Bei Probebohrungen für den Rawyltunnel verformte sich die Staumauer von Tseuzier auf der Walliser Seite. Damit war die Autobahn gestorben.

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Fans von Wasserfällen kommen an der Lenk voll auf ihre Kosten.

Die Liebe zum alten Holz
Die modernen Simmentaler Chalets, die bei der Firma Chaletbau Freidig entstehen, haben solche Tricks nicht mehr nötig. Trotzdem darf das charakteristisch ausladende Dach nicht fehlen.

Geschäftsführer und Eigentümer Georg Nellen kauft von den Bauern die Stämme und sägt dann jede Dachlatte und jeden Balken selbst. Für die Konstruktion eines Chalets zeichnet ein Holzbauingenieur vier Wochen lang am Bildschirm komplizierte Bauteile mit Konen und Schwalbenschwanz-Passungen. Danach werden die Pläne auf eine computergesteuerte Maschine übertragen, welche die Teile während zweier Wochen in von Hand unmöglicher Komplexität und Präzision aus dem vollen Holz fräst. Auf der Baustelle stecken Nellens Mitarbeiter die Komponenten dann nur noch zu einem Holzmonolith zusammen – der ewig hält und den man auch nach mehreren Jahrzehnten noch problemlos an einen anderen Ort verschieben kann.

Besonders am Herzen liegen Georg Nellen alte Bretter. Er sucht auf Abbrüchen und in alten Gebäuden gezielt nach Holz, das sich wiederverwenden lässt. Das ist ökologisch hochaktuell. Als CO2-Senke taugen Holzhäuser vor allem, wenn das Holz nicht verbrannt wird und nicht verfault. Bauen mit altem Holz ist deshalb ökologisch wichtig – und für Georg Nellen eine Leidenschaft. «Das hier ist eine Katze», erklärt er und zeigt auf einen Zierschliff entlang eines alten Bretts. «Das hat man in Stuben und wohlhabenden Haushalten gemacht.» Nellen spaltet die alten, meist verzogenen Bretter vorsichtig auf, macht sie wieder gerade und baut damit edle Interieurs. Etwa ein Drittel des Umsatzes macht die Firma mit altem Holz. So hat das Simmental seine Traditionen in die Moderne geholt – mit seinem zukunftsweisenden Holzbau, seinen Brücken und Sägereien, aber ohne Autobahn.

 


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