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19.11.20

Kraft und Architektur

Es ist eine lange Liebes­geschichte, jene von Strom und Architektur.
Alamy / zVg Repower
Das frühere Kohlekraftwerk Battersea Powerstation mitten in London zierte schon ein Album von Pink Floyd. Stadtentwickler tun sich trotzdem schwer mit dem Monstrum. Inzwischen sind Läden und Kinos geplant, und Apple will mit 1400 Angestellten ins Kraftwerk einziehen.

Es ist eine lange Liebes­geschichte, jene von Strom und Architektur. Schon frühe Kraft­werks­bauten waren bis ins Detail durchdesignt. Peter Behrens, ein Lehrer von Le Corbusier, setzte für AEG nicht nur Fabrik­hallen und Büro­gebäude in ein ein­heitliches Design, sondern jedes Detail – vom Turbinen­gehäuse über elektrische Schalter bis hin zur Schrift.


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Peter Behrens gestaltete für AEG jedes Detail – vom kleinsten bis zum grössten, wie hier die monumentale Halle mit der Aufschrift «Turbinenfabrik» in Berlin. Sie hat den Krieg überstanden und steht noch heute.

 

In den USA, etwa in Austin oder Baltimore, sind ein­drückliche ehemalige Kraft­werke zu zentral gelegenen Shopping­centern geworden. Das gigantische, gegen­wärtig auf eine neue Nutzung wartende Londoner Battersea-Kraftwerk wurde in grosszügigem Art déco gebaut, allerdings nicht ganz frei­willig. Die nahe­liegende Tate Gallery fürchtete 1927 einen hässlichen Klotz in ihrer Nähe. Die Kraft­werks­gesellschaft engagierte deshalb den Architekten Giles Gilbert Scott. Der hatte auch die berühmten roten Telefon­kabinen gestaltet und baute nach dem Krieg das Ölkraft­werk Bankside Power­station, das seit seiner Still­legung die Tate Modern beher­bergt.Auch die Schweiz hat ihre Kraft-Architektur. Die Kraftwerke der SBB aus den 1910er- und 1920er-Jahren kommen oft in üp­pigem «Bundes-Barock» daher. In Graubünden ge­staltete Nicolaus Hartmann jun. das Kraftwerk Küblis wie eine Kirche – mit der Maschinen­halle als Kirchen­schiff und dem Kommando­raum im Chor. Die Kraftwerke Robbia, Palü und Cavaglia und die dazu­gehö­rigen Stau­mauern des Lago Bianco auf dem Berninapass zeichnete er so, als wären sie ein zusammen­hängender Burgen­komplex, passend zu den eben­falls von ihm gebauten Hotels und RhB-Bahn­stationen der Region. Nach dem Krieg verkroch sich die Grandezza immer mehr ins Berges­­innere oder versteckte sich hinter simpler Zweck­architektur – mit einigen schönen Aus­nahmen wie die Maschinen­halle des Kraftwerks Birsfelden oder das Gas­kraft­werk Lausward bei Düsseldorf. Es strahlt nachts als grüne Licht­skulptur.

 

Das Kraftwerk Palü am Berninapass thront wie eine alte Burg am Berg.
Die zum Kraftwerk Palü gehörige Staumauer des Lago Bianco wurde im gleichen Stil gestaltet, beide vom Engadiner Hotelarchitekten Nicolaus Hartmann.
Nikolaus Hartmann hat die Kraftwerksanlagen am Berninapass so gestaltet, dass sie zusammen mit der touristischen Infrastruktur des Engadins und den Bahnstationen der RhB ein einheitliches Bild ergeben.
Das ehemalige Ölkraftwerk Bankside Powerstation in London wurde vonden Basler Architekten Herzog & de Meuron zur Tate Modern umgebaut.
Hier wurde einst mitten in London Schweröl verstromt. Heute ist die Tate Modern ein Fixpunkt in der Kunstwelt.
Das Kraftwerk Lausward bei Düsseldorf ist eines der modernsten und effizientesten Gas-Kombikraftwerke der Welt – und leuchtet nachts grün.
Der Art-déco-Kommandoraum im stillgelegten Kraftwerk Kelenföld in Budapest sieht mit seiner monumentalen Glasdecke aus wie ein Raumschiff aus einem frühen Science-Fiction-Film.
Die Gestaltung des Kraftwerks Cavaglia lehnt sich an die Bündner Burgen und die Häuser des Engadins an.

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