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06.06.22

Rutschbahnspiele mit Strom- und Gaspreisen

Wetter, Corona und Politik wirbeln die Energiepreise durcheinander.
Alix Minde, PhotoAlto Agency RF Collections via Getty Images

Im Winter 2021/22 gingen die Energiepreise durch die Decke. Am Strommarkt lag der Grosshandelspreis wochenlang über 200 Euro pro Megawattstunde (€/MWh) – oder 20 Rappen pro Kilowattstunde; mehr, als in der Schweiz viele Haushalte als Endkunden bezahlen. Die Preise für Heizgas betragen für Endkunden etwa 12 Rp./kWh oder 110 €/MWh. Am Spotmarkt lagen die Gaspreise aber zwischen 85 und 99 €/MWh. Dazu kommen bei CO2-Kosten von rund 92 Euro pro Tonne noch Zertifikatskosten von 25 bis 50 €/MWh. Damit ist ein Gaskombikraftwerk mit Gas- und Dampfturbine und 60 Prozent Wirkungsgrad ab Strompreisen zwischen 135 und 160 €/MWh «im Geld». Ein konventionelles Gaskraftwerk ohne Dampfturbinen und mit 38 Prozent Wirkungsgrad wird bei 230 bis 280 €/MWh profitabel. Und genau in jenen Höhen bewegte sich im Winter der Strompreis.

 

Spotpreise für mehr Markt
Strom- und Gaspreise hängen immer zusammen. Die hohen Preise betreffen jedoch nur jene Energiemenge, die kurzfristig am Spotmarkt gehandelt wird. Ein noch immer sehr grosser Anteil wird gemäss langfristigen Verträgen am Terminmarkt gehandelt und dann auch zu den ausgehandelten Preisen geliefert. In den letzten Jahren wurden auf Druck der EU-Kommission die mittlerweile kartellartigen Langfristverträge immer mehr durch den Grosshandelsmarkt mit Fristen von weniger als fünf Jahren und durch den kurzfristigen Spothandel ersetzt. Lange war der Terminpreis aufgrund der Risikoaufschläge höher als der Spotpreis. Das finanzielle Risiko wird dabei auf den Infrastrukturbetreiber abgewälzt. Deshalb setzt Gazprom als einer der grössten Infrastrukturbetreiber mit seinem riesigen Pipelinenetz auf langfristige Verträge, mit denen man jahrzehntelang gut verdient hat.

Dieses System wurde im vergangenen Winter auf den Kopf gestellt. Viele Energiekäufer hatten nach der Coronavirus- Pandemie nicht mit einer schnellen Erholung der Wirtschaft gerechnet. Hinzu kam ein sehr langer Winter 2020/21 mit ungewöhnlich tiefen Temperaturen bis weit in den Juni hinein. Kurz vor Weihnachten 2021 gingen in Frankreich bei sehr tiefen Aussentemperaturen vier der modernsten und leistungsfähigsten Kernreaktoren mit der sechsfachen Leistung des Kernkraftwerks Leibstadt vom Netz – alle wegen derselben fehlerhaften Schweissnähte. Bis Februar 2022 wurden noch weitere abgeschaltet. Ersatzstrom mussten Gaskraftwerke liefern.

 

«Merit Order»-Effekt bei den Preisen
Durch den hohen französischen Strombedarf sind die Spotpreise für Elektrizität explodiert. An den Terminmärkten stiegen die Preise für 2022 von 50 auf 250 €/MWh, Lieferungen für 2023 liegen bei 140 €/MWh und noch spätere zwischen 90 und 100 €/MWh. Die Preise der bestehenden Langfristverträge waren plötzlich deutlich tiefer. Die hohen Strompreise durch die ausgefallenen Kernkraftwerke vergoldeten jedes Kraftwerk mit freien Kapazitäten.

Hier kommt der «Merit Order»- oder Rutschbahn-Effekt ins Spiel. Dabei drängen die billigen Stromerzeuger die teuren (meist Kohle und Gas) aus dem Markt, wie auf dem Spielplatz, wo schnellere Kinder die langsameren von hinten von der Rutschbahn schubsen. Umgekehrt wird der Marktpreis immer vom teuersten Kraftwerk bestimmt, das gerade noch mitlaufen muss. Früher bildeten deshalb die Energiepreise eine «Preistreppe », weil die unterschiedlichen konventionellen Kraftwerke unterschiedliche Kosten hatten und die Emissionen gratis waren. Heute ist es eine «Preis-Felswand ». Wenn Kohle- und Gaskraftwerke laufen, steigen aufgrund der hohen CO2-Emissionspreise die Strompreise sofort auf über 100 €/MWh, mit dem Ausfall der Kernkraft in Frankreich auf das Doppelte. Wind- und Sonnenenergie haben keine Betriebskosten, weil ihr «Brennstoff» gratis ist. Sobald sie bei sonnigem, windigem Wetter Kohle und Gas aus dem Markt drängen, stürzt der Strompreis gegen null. Es gibt nur noch sehr hohe oder sehr tiefe Preise. Doch im regulierten Schweizer Strommarkt hat zumindest die Privatkundschaft immer denselben Tarif. Der besteht zudem aus je knapp der Hälfte dem Energieund dem Netzanteil, zuzüglich Abgaben und Steuern.

Beim Gas können die Preise stärker ausschlagen als beim Strom – und haben grosse Verbraucher voll getroffen. Einige Grossverbraucher sind aber sogenannte Zwei-Stoff-Kunden: Sie können kurzfristig auf das ökologisch viel schlechtere Öl umsteigen und warten, bis der Gaspreis wieder sinkt. Damit rechnen die Märkte. Langfristige Verträge für 2023/24 sind heute für 25 bis 30 €/MWh zu haben.

 

Die Rolle von Gazprom
Deutschland bezieht sein Gas etwa zur Hälfte aus Russland, wobei auch Teile der Infrastruktur dem russischen Staatskonzern Gazprom gehören, insbesondere Gasspeicher. Allerdings gehört das Gas in den Speichern nicht Gazprom, sondern deutschen Kunden. Gazprom ist langfristigen Lieferverpflichtungen immer nachgekommen, hat aber im Winter kein zusätzliches Gas in den Spotmarkt geliefert. Es wird aber angenommen, dass dieses unübliche Verhalten einen Zusammenhang mit den Vorbereitungen des Angriffs auf die Ukraine hatte. Die russische Regierung nimmt oft direkten Einfluss auf den Konzern, was intern nicht immer gern gesehen wird. Nach dem Angriff auf die Ukraine haben sich mindestens zwei Topmanager von Gazprom das Leben genommen.


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