Nachhaltigkeit , Wissen

22.11.21

Upcycling XXL mit einer Ölpipeline

In Graubünden soll statt Öl künftig Strom fliessen. Das Projekt hat in Europa höchste Priorität.
zVg Greenconnector
Auf der Schweizer Seite des Splügenpasses ist der Verlauf der Ölpipeline mit kleinen Betonpfosten und Gussplaketten markiert, aber sonst weitgehend unsichtbar. So wird es auch bleiben.

PET-Flaschen werden rezykliert, Kleider weiter­­verwendet und Bau­materialien teilweise auch. Aber was geschieht mit einer still­gelegten Ölpipeline? Claudio Gianotti, Chef der im Bereich von Gas­lieferungen tätigen Firma Worldenergy im südbündnerischen Soazza, hat genaue Vorstellungen. Er möchte in einer alten Ölpipeline ein Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungskabel (HGÜ) installieren, das Strom zwischen der Schweiz und Italien transportiert. Gianottis bisherige Vorarbeit war dabei so überzeugend, dass es sein Projekt mit dem Namen Greenconnector auf die Liste jener Strom­leitungs­projekte geschafft hat, die in Europa höchste Priorität haben.

Die Ölleitung Oleodotto del Reno ist eine von drei Pipelines, die in den 1960er-Jahren durch die Alpen gebaut wurden. Der Oléoduc du Rhône führte von Genua ins Wallis und wurde 2015 stillgelegt. Der Oleodotto del Reno pumpte Öl von Genua via Graubünden nach Ingolstadt. Das gleiche Ziel hat auch die Trans­alpine Ölleitung (TAL) von Triest her via Tirol. Nur die TAL ist noch in Betrieb. Am Oleo­dotto del Reno wurden einige Teile zur Gaspipeline umgebaut, doch der grosse Abschnitt über die Alpen ist seit 1997 nicht mehr betriebsfähig.

 

Unsichtbare Stromtrasse
In das Rohr mit rund 60 Zentimeter Durchmesser sollen nun zwei Gleich­strom­kabel mit je etwa 10 Zentimeter Durchmesser eingeführt werden. Mithilfe von Wech­sel- und Gleich­richter­anlagen nördlich von Mailand und in Graubünden würde die Leitung wieder in die nationalen Höchst­spannungsnetze münden.

Seit Jahren sind die Übertragungs­kapazitäten zwischen Italien und der Schweiz zu klein. Doch neue Hochspannungs­leitungen zu bauen, ist aufgrund der unendlich vielen Einsprachen und der Hunderten nötigen Durch­leitungs­rechten fast nicht möglich. Für den Greenconnector besteht der komplette Korridor bereits. Und weil das Kabel in ein bereits bestehendes Rohr eingezogen würde, wären selbst beim Bau die Eingriffe in die Umwelt kaum sichtbar, und beim Betrieb mit Gleichstrom entsteht kaum Elektrosmog. Mittlerweile hat es der Greenconnector auch in der Schweiz in den SÜL geschafft, den Sachplan Übertragungs­leitungen, als eines der ganz wenigen privaten Strom­leitungs­projekte. Damit wird der Perimeter der Ölpipeline freigehalten. Nun geht es um weitere rechtliche und planerische Eingaben beim Bund.

 

Teurer als Freileitung
Dann geht es um die Finanzierung. Eine Gleich­strom­leitung ist sehr viel teurer zu bauen als eine Freileitung. Greenconnector nennt keine Zahlen. Doch Experten gehen von etwa 800 Millionen Franken aus, trotz der bereits bestehenden Rohrleitung. Für ein privat finanziertes Projekt sind möglichst grosse Strom­preis­unterschiede zwischen der Schweiz und Italien wichtig. Gegenwärtig ist das noch nicht immer der Fall. Berücksichtigt man aber die Zeit für Bewilligung, Planung und Realisierung, wird Greenconnector etwa gleich­zeitig mit der Abschaltung von Kohle- und Atom­kraft­werken in Betrieb gehen. Dann könnte sich das Preis­gefüge ändern. Wann mit dem Bau begonnen werden kann, ist aber noch nicht klar, da die entsprechenden Entscheide der Behörden noch nicht vorliegen.

Aber Claudio Gianotti ist ein geduldiger Mensch. Er hat die Arbeiten am Greenconnector während vieler Jahre zusammen mit seinem Team von Ingenieuren weiter­geführt. Der Greenconnector würde die Strom­versorgungs­sicherheit in ganz Europa massiv verbessern. Aber auch das Upcycling einer alten Ölpipeline hätte ökologisch einen gigantischen Wert und wäre ganz im Sinne einer modernen Welt, welche die Dinge weiter nutzt, statt sie wegzuwerfen.

greenconnector.it

 


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