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08.09.21

Wasserkraftwerke sind wertvoll – oder doch nicht?

Nach Ablauf der Konzession gehen viele Wasser­kraftwerke in den Besitz der Standort­gemeinden und -kantone über. Doch die Geld­quelle ist nicht mehr so ergiebig.
zVg Repower
Das Kraftwerk Palü am Berninapass.

Sie gelten als die Ölquellen der Alpen – und es gibt viele davon: grosse Wasser­kraft­werke in kleinen Berg­gemeinden und Berg­kantonen. In einem sich ändernden Umfeld mit der Energie­wende und dem Klimawandel nimmt ihre Bedeutung zu. Immer mehr dieser Kraftwerke werden künftig den Standort­gemeinden und Standort­kantonen gehören. Der «Heimfall» ist eine Regelung in vielen Kraftwerks­konzessionen, wonach die grössten Teile der Kraftwerks­anlagen nach Ablauf der Konzession an die Standort­regionen zurückfallen.

Der Heimfall in den Konzessionen hat eine lange Geschichte, und er ist hoch­politisch. Bei den frühen Konzessionen für die ersten grossen Kraftwerke der SBB im Wallis war die Heimfall­regelung allerdings noch kein Thema. Damals waren die Berg­regionen froh, dass sich überhaupt jemand für sie interessierte. Die Kraftwerks­bauer waren willkommen, und niemand dachte daran, Forderungen zu stellen.

 

Wasser und Landschaft hatten plötzlich einen Wert
Das änderte sich in den 1930er- und 1940er-Jahren, als die Projekte grösser wurden. Das Dorf Marmorera und die Göscheneralp verschwanden in Stauseen. Projekten von Staumauern bei Splügen und in der Schöllenen­schlucht schlug heftiger Widerstand entgegen. Die Stauseen hätten das ganze Urserental und fast das ganze Rheinwald unter Wasser gesetzt. So wuchs die Erkenntnis, dass das Recht, Wasser und Landschaft zu nutzen, einen Preis haben müsse. Dieser Gedankengang wird mittler­weile auf viele andere kommerzielle Nutzungen natürlicher Ressourcen übertragen, etwa bei CO2-Emissionen. Dann lohnt es sich, sorgfältig mit natürlichen Ressourcen umzugehen. Bei der Wasserkraft gehörte nebst der Nutzung der Ressourcen zu den Auflagen, dass die Anlagen nach Ablauf der Konzessionsdauer von 60 bis 80 Jahren ins Eigentum der Standort­regionen übergehen sollen.

Mit dem Wert solcher Anlagen ist es allerdings nicht so einfach. Um die Jahrtausend­wende sprach man von Stromlücken und explodierenden Preisen und plante grosse neue Kraftwerke. Dann sind nach der Finanzkrise 2008 die Strom­preise eingebrochen. Auf neuen Kraftwerken gab’s riesige Abschreiber. Was 2002 eine Goldgrube war, wurde 2010 zum Milliarden­grab. Hätten sich die Entscheide für die beiden Pumpspeicher­werke Linth-Limmern und Nant de Drance um zwei Jahre verzögert, wären sie wohl nicht gebaut worden. Wasserkraft spielt zwar langfristig in der Energie­wende eine entscheidende Rolle, doch niemand will an kurzfristig un­vorteilhaft erscheinenden Investitions­entscheiden schuld sein. Denn unter den Erneuerbaren ist Wasserkraft teurer als Wind- und Sonnenenergie.

 

Nehmen oder die Konzession verlängern?
Die Bergregionen sind hin- und hergerissen. Einige, wie etwa Uri, haben kantonale Gesetze, wonach der Heimfall zwingend ausgeübt werden muss. Im Wallis gibt es regionale Werke, die technisch und organisatorisch in der Lage sind, solche Werke zu betreiben. Andere Regionen haben früh die Konzessionen erneuert, mit modernisierten Bedingungen. Patent­lösungen hat niemand. Die Ähnlichkeit zwischen Wasserkraft­werken und Ölquellen ist deshalb grösser, als es den Standort­kantonen lieb ist. Im gestrigen Energie­umfeld hätte man sich damit eine goldene Nase verdient. Heute ist eine Konzession aber fast wertlos. Doch im Gegensatz zu den Ölquellen kann sich das bei der Wasserkraft schnell wieder zum Besseren wenden.

 


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