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08.09.21

Die Welt der automatischen Musik

Das Museum für Musik­automaten in Seewen zeigt Maschinen, die in höchster Perfektion musizieren.
Christian Aeberhard
Theophile Mortier war Manager einer Tanzhalle in Antwerpen. Er importierte neue Tanzorgeln aus Paris und verkaufte sie kurze Zeit später weiter. Schliesslich begann er, selber Orgeln zu bauen, und wurde zum produktivsten Hersteller von Tanz­orgeln. Die Mortier-Orgel in Seewen musste einen ganzen Saal zum Tanzen bringen und ist deshalb sehr laut.

Im Museum für Musik­automaten in Seewen im Solothurner Jura klingt und tönt eine verschwundene Welt. Hier lebt die mechanische Musik noch so, wie sie in Bahnhöfen, auf Jahr­märkten und in den Salons und Grand­hotels der Belle Époque spielte. Die frühen Spiel­dosen wurden schnell komplizierter, etwa mit Musik­apparaten mit kreisrunden Blech­platten als Tonträger, die sich anfühlen wie eine Gemüse­raffel. Feine Zähne zupfen an einem Tonkamm und erzeugen so die Musik. 1905 lancierte die Firma M. Welte & Söhne in Freiburg i. Br. das pneumatische Reproduktions­klavier «Welte Mignon». Das geheim gehaltene Aufnahme­verfahren übertrug das Klavier­spiel eines Pianisten auf eine gelochte Papier­rolle. Anschlag­stärke und Tondauer werden durch Luft gesteuert, die an jedem bestimmten Punkt durchs Papier dringt. Die Aufnahmen sind so gut, dass selbst Profi­musiker kaum erkennen, ob ein Stück ab Rolle oder ab CD gespielt wird.

 

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Musikautomaten machen nicht nur Musik. Oft setzen sie ganze Ensembles von tanzenden Figuren in Bewegung.

 

Der um die Geigen kreisende Rund­­bogen erlaubte perfektes Geigenspiel mit vier Instrumenten, von denen immer nur je eine Saite spielte. Die Wartung solcher Automaten war für Hersteller ein einträgliches Geschäft.

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Die Transatlantik-Orgel
Auch die Eisenbahnen waren gute Kunden der Musik­automatenbauer – um die Langeweile in den Wartsälen zu vertreiben. In vielen Bahnhöfen, vor allem in der Westschweiz, gab es Musik­automaten, die beim Einwurf einer Münze ein Musikstück spielten, bewegliche Figuren tanzen liessen oder einen Alpaufzug zeigten. Das imposanteste Exponat des Museums ist die Britannic-Orgel, eine automatische Welte-Konzert­orgel für das Schwester­schiff der «Titanic», die «Britannic». Vom grossen Treppenhaus aus hätte die Orgel den ganzen vorderen Bereich des Schiffs beschallen sollen. Doch nach dem Untergang der «Titanic» verzögerten umfangreiche Umbau­arbeiten an den Sicherheits­einrichtungen der «Britannic» die Fertig­stellung bis nach Kriegs­ausbruch. Schliesslich wurde sie im Verlauf des Ersten Weltkriegs zum Spital­schiff umgebaut, fuhr in der Ägäis auf eine Mine und sank. Die Orgel war zum Zeitpunkt des Untergangs noch nicht eingebaut und blieb verschollen. Allerdings konnte der Gründer des Museums für Musik­automaten, Heinrich Weiss, schon 1969 eine grosse automatische Welte-Orgel kaufen. Erst bei der Restauration im Jahr 2007 wurden an drei versteckten Orten die Inschriften «Britanik» entdeckt – ein Stück tönende Weltgeschichte.

 

Die Orgel des Transatlantik-Dampfers «Britannic» lässt sich spielen wie eine normale Orgel – oder sie spielt selber, mit Informationen von auf gelochten Papierstreifen gespeicherten Daten.
Das Museum für Musikautomaten besitzt Hunderte von Welte-Rollen.
Datenträger waren Blechplatten, Papierrollen oder sehr oft wie hier Stiftwalzen.
Die Pfeifen der Britannic-Orgel hätten das ganze Schiff zum Tanzen bringen können.
In vielen Musikdosen sind Stiftwalzen die Datenträger. Sie können nicht nur einen Tonkamm zupfen, sondern auch kleine Glocken anschlagen.

 


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