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Fuss auf der Erde: Symbolbild KI
©KI / Andreas Turner
Energy by Turner

Der Fuss auf dem Nacken der Welt

Wie aus einem göttlichen Auftrag die Gebrauchsanweisung für den planetaren Selbstmord wurde.

Es gibt Sätze, die die Welt verändern. «Alle Menschen sind gleich geschaffen.» Zum Beispiel. Oder: «Liebe deinen Nächsten.» Manche inspirieren Befreiung, Mitgefühl und Fortschritt.

 

Und dann gibt es den verheerenden Satz:

«Macht euch die Erde untertan.» (Genesis 1,28)

Fünf Worte, die möglicherweise mehr Bagger, Kettensägen, Ölplattformen, Rohstoffminen, Brandrodungen und Artensterben legitimiert haben als jede andere Parole der Menschheitsgeschichte. Fünf Worte, die wie eine göttliche Generalvollmacht klingen, aus einem lebendigen Planeten einen Rohstofflagerplatz zu machen.

Natürlich wird heute hektisch zurückgerudert.

Nein, nein, erklären die Theologen. Das sei alles ganz anders gemeint gewesen. Man habe den Text falsch verstanden. Seit ungefähr dreitausend Jahren.

Die Erde «untertan machen» bedeute nämlich gar nicht Unterwerfung. Herrschaft bedeute eigentlich Fürsorge. Macht bedeute Verantwortung. Der Fuss auf dem Nacken sei in Wahrheit eine liebevolle Umarmung.

Man kennt diese Art Argumentation.

Wenn ein Wort das genaue Gegenteil dessen bedeuten soll, was jeder normale Mensch darunter versteht, beginnt gewöhnlich die Theologie.

Die Verteidigungslinie verläuft inzwischen ungefähr so:

Das hebräische Wort «kabasch» bedeute zwar tatsächlich «unterwerfen», «untertan machen» oder wörtlich «den Fuss darauf setzen». Aber das sei nicht brutal gemeint. Der König setzte seinen Fuss auf das Land und übernahm damit Verantwortung.

Wunderbar.

Wenn morgen ein Immobilienhai erklärt, er wolle lediglich Verantwortung übernehmen, indem er seinen Fuss auf dein Gesicht setzt, wirst du die Feinheiten dieser Logik vermutlich sofort würdigen.

Die Wahrheit ist viel einfacher.

Der gesamte Satz stammt aus einer Zeit, in der Macht etwas war, das man demonstrierte. Mit Schwertern. Mit Armeen. Mit Unterwerfungsgesten. Mit Füssen auf Nacken. Die Autoren kannten keine Biodiversitätskonferenzen, keine Klimamodelle und keine Planetengrenzen. Sie kannten Herrschaft.

Und Herrschaft wurde sprachlich als Herrschaft formuliert.

Daraus wurde später ein theologisches Kunststück entwickelt, das an olympisches Rückwärtssalto-Niveau grenzt.

Und das geht so:

«Unterwerft die Erde» bedeutet angeblich «Pflegt sie liebevoll.»

«Herrscht über die Tiere» bedeutet angeblich «Beschützt sie.»

«Macht sie euch untertan» bedeutet angeblich «Seid demütige Verwalter.»

Mit derselben Methode könnte man auch erklären, ein Bankraub sei eigentlich eine besonders intensive Form der Vermögensbetreuung.

Besonders faszinierend ist die historische Bilanz. Jahrhundertelang nahm man den Satz ziemlich genau so, wie er dasteht.

Wälder? Weg damit.

Flüsse? Kanalisieren.

Moore? Trockenlegen.

Tiere? Ausrotten.

Berge? Sprengen.

Kontinente? Kolonisieren.

Indigene Völker? Zivilisieren.

 

Immer begleitet von dem beruhigenden Gefühl:

Der Chef persönlich hat die Genehmigung erteilt.

Der Planet wurde behandelt wie ein besiegter Feind, auf dessen Nacken man triumphierend den Stiefel setzt.

Und jetzt, wo die Atmosphäre überhitzt, die Böden ausgelaugt sind und die Meere voller Plastik – jetzt, wo die Hälfte der Menschheit über Klimakatastrophen diskutiert, treten dieselben Institutionen vor die Mikrofone und erklären:

«Moment mal. So war das nie gemeint.»

Ach.

Das erinnert an einen Waffenhändler, der nach dem Krieg erklärt, seine Produkte seien eigentlich als Werkzeuge des Friedens gedacht gewesen. Besonders grotesk wird es, wenn die Kirchen heute von «Bewahrung der Schöpfung» sprechen.

Selbstverständlich gibt es ehrliche Christen, ehrliche Theologen und ehrliche Umweltethiker. Viele kämpfen tatsächlich für Naturschutz, Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften.

Doch das ändert nichts an der historischen Tatsache, dass der berühmte Herrschaftsauftrag sich als sprachlicher Jackpot für jede Form der Ausbeutung erwiesen hat.

Wenn ein Satz über Jahrtausende hinweg immer wieder als Legitimation für Herrschaft missbraucht wird, dann liegt das Problem vielleicht nicht ausschliesslich bei den Lesern.

Vielleicht ist der Satz selbst ein Problem. Vielleicht steckt in ihm jener alte patriarchale Grössenwahn, der den Menschen für den Mittelpunkt des Universums hält.

Jenes grandiose Missverständnis, wonach ein nackter Primat auf einem unauffälligen Felsbrocken in einem durchschnittlichen Spiralarm einer durchschnittlichen Galaxie die Krone der Schöpfung sei.

Die Pointe ist nämlich brutal.

Der Mensch hat die Erde niemals beherrscht. Er hat sie geplündert.

Er hat die Atmosphäre mit Treibhausgasen gefüllt und nennt das Fortschritt. Er hat Böden zerstört und nennt das Wachstum. Er hat Arten vernichtet und nennt das Entwicklung. Er hat Wälder abgeholzt und nennt das Wertschöpfung. Er hat Ozeane vermüllt und nennt das Konsumfreiheit.

Die Krone der Schöpfung benimmt sich seit zweihundert Jahren wie eine Mischung aus Termitenkolonie und Brandsatz. Und dennoch hält sie sich für den Verwalter des Ganzen.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Satire.

 

Nicht der Bibelvers.

Nicht die Theologen.

Nicht die Kirchen.

Sondern die Spezies Mensch.

 

Die einzige Spezies, die Milliarden Tonnen CO₂ in die Atmosphäre bläst und sich gleichzeitig als Hüter der Schöpfung bezeichnet.

«Macht euch die Erde untertan.»

Der Satz war vielleicht nie als Aufruf zur Zerstörung gedacht. Das mag sein. Aber er traf auf eine Spezies, die jede Einladung zur Verantwortung zuverlässig als Erlaubnis zur Ausbeutung missversteht.

Und so steht heute nicht die Erde unter unserem Fuss. Sondern wir stehen am Rand eines selbst geschaufelten Abgrunds und wundern uns, warum der Boden nachgibt.

Der Fuss ist noch immer gesetzt.

Nur leider auf dem eigenen Hals.

 

Der Autor

Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich. Mit dieser Kolumne reitet er sein Steckenpferd, die diskrete Satire.
 

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Andreas Turner. Bild zVg