Wege und Ziele , Geschichte , Bahnreisen

13.03.23

Das Engadin unter Strom

Pioniergeist eines Hoteliers.
Repower / Kulturarchiv Oberengadin / Rhätische Bahn AG

Ein Hotelier machte St.Moritz zur Pionierregion der Elektrizität.

 

Am Abend des Freitags, 18. Juli 1879, sit­zen rund hundert Gäste im Kulm Hotel St. Moritz beim Abendessen, erhellt von schummrigen Gaslichtern. Doch Hote­lier Johannes Badrutt hat nach einem Besuch der Pariser Weltausstellung von 1878 ein kleines Wasserkraftwerk bau­en sowie den Speisesaal verkabeln und mit Bogenlampen versehen lassen. Nun schaltet er ohne Vorwarnung die neue Beleuchtung ein. Die Gäste erschre­cken, applaudieren dann aber begeistert. St. Moritz wird so zur ersten Schwei­zer Gemeinde mit elektrischem Licht. Und die saubere Energie aus der Kraft der Bergbäche hatte es den St. Moritzer Touristikern angetan: Ab 1896 fuhr eine elektrische Strassenbahn zwischen St. Moritz Bad und St. Moritz Dorf auf einer 1600 Meter langen Strecke, acht Jahre bevor die – erst noch dampfbe­triebene – Albulabahn das Engadin er­ reichte. Die Gäste reisten deshalb auf abenteuerliche Weise mit Schlitten und Kutschen aus den dreckig-­russigen Städten Europas in ein futuristisches alpines Raumschiff mit tagheller elek­trischer Beleuchtung und einem leise surrenden elektrischen öffentlichen Ver­kehrsmittel.

 

Die älteste Quelle der Alpen

Das Tram fuhr nicht von ungefähr zwi­schen St. Moritz Dorf und St. Moritz Bad. Die beiden Ortsteile sind erstaunlich un­terschiedlich. Das Dorf liegt eng zusam­mengedrängt am sonnigen Hang, das Bad weitläufig unten in der Ebene am See. Die dortige Heilquelle ist die älteste nachgewiesene Quellfassung im Alpen­raum. Ausgrabungen haben eine Was­serfassung aus zwei riesigen ausgehöhl­ten Lärchenstämmen zutage gefördert, die ungefähr auf das Jahr 1500 v. Chr. datiert werden konnten. Die urzeitliche Konstruktion ist heute an ihrem origi­nalen Standort im Forum Paracelsus, der alten Trinkhalle und Fassung der St. Moritzer Quelle, zu sehen.

 

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Von 1896 bis 1932 verkehrte zwischen St. Moritz Bad und St. Moritz Dorf eine elektrische Strassenbahn. Die Berninabahn verbindet St. Moritz mit dem italienischen Tirano.

 

Belle-Époque-Hotels in St. Moritz Bad

Während langer Zeit erlaubte die Ge­meinde keine Hotels in St. Moritz Bad. Als das Verbot endlich fiel, entstand ein En­semble von Belle-­Époque-­Grandhotels, jedes mit Park und flachen Spazierwe­gen. Vieles davon ist noch erhalten, vor allem die grossen zusammenhängenden Freiflächen der ehemaligen Hotelparks mit den unzähligen frechen Eichhörn­chen, die mit ihren erbeuteten Arven­nüsschen routiniert unter den Ortsbus­sen hindurch über die Strasse rennen. Das Grand Hôtel des Bains Kempinski, das Hotel Reine Victoria und das Hotel Laudinella mit seinem Konzertsaal und dem reichhaltigen Kulturprogramm sind nahe, aber in vornehmem Abstand um die Quelle angeordnet. Deshalb war den Hotels im Dorf die elektrische Strassen­bahn wichtig: So konnten sie ihren Gäs­ten eine angenehme Verbindung zum Bad anbieten. Der Bädertourismus war in St. Moritz aufgrund der Quelle seit Jahrhunderten etabliert. Allerdings gab es im Gegensatz zum konkurrierenden Davos keine gros­sen Sanatorien. Die Engadiner warben sogar damit, dass man sich bei ihnen nicht mit der Tuberkulose anstecken könne. Der absichtliche Verzicht auf die Lungenkranken machte die Wirtschaft allerdings empfindlicher für die Krisen der Weltpolitik. Nach dem Stillstand des Ersten Weltkriegs kam der Touris­mus nur mühsam wieder in die Gänge. Im Sommer 1929 war die Malojabahn von St. Moritz nach Chiavenna fertig vermessen und mit Pfosten ausgesteckt, bereit für den Baubeginn im Frühling 1930. Aber am 29. November beendete der «Black Friday» die «Roaring Twen­ties» und damit alle weiteren Bahnträu­me im Engadin. Dafür blieb das Südufer des Silsersees mit seinem spektakulären Lärchen-­ und Arvenwald unverbaut.


Lago-Bianco
Der Lago Bianco – hier die südliche Staumauer – bildet einen wichtigen Bestandteil der Wasserkraftwerke im Puschlav.

 


Passlandschaft auf dem Bernina

Gebaut wurde dagegen die Berninabahn, gerade noch rechtzeitig vor dem Krieg, eine reine Touristenbahn, nur für den Sommerbetrieb gedacht, mit ein paar panoramamässig besonders schönen Schlaufen, die aber in berüchtigten La­winenzügen lagen. Als die Berninabahn 1943 von der Rhätischen Bahn (RhB) übernommen wurde, gab es einen Ganz­jahresbetrieb, und die Panoramaschlau­fen wurden begradigt. Auch die Bernina­ bahn war von Anfang an elektrisch – mit einer Ausnahme: Die grosse dampfbe­triebene Schneeschleuder dampft und raucht bis heute. Doch nicht nur die Bahn ist spektakulär. Auch die ganze elektrische Kulturland­schaft auf der Wasserscheide zwischen Adria und Schwarzem Meer ist es. Ab 1910 entstand mit der Aufstauung des Lago Bianco auf der Passhöhe – mit einer nördlichen und einer südlichen Stau­mauer, mit dem Palüsee und den Kraft­werken Robbia, Palü und Cavaglia – eine ganze Kraftwerks­- und Stauseekette. Die Staumauern, aber auch Bahnhofgebäude und Kraftwerkszentralen wurden durch­gehend vom selben Architekten gestal­tet, dem St. Moritzer Nicolaus Hartmann.

Via Energia

In der Region um St.Moritz gibt es des­ halb nicht nur kulturell und landschaft­lich viele unbekannte Dinge zu entde­cken. Sie spielte auch eine führende Rolle in der Entwicklung und Anwen­dung der elektrischen Energie. Die Via Energia entlang des Wanderwegs zwi­schen Bernina­Hospiz und dem Kraft­werk Cavaglia zeigt das mit Schautafeln in Italienisch und Deutsch. Sollte das Pumpspeicherkraftwerk Lago Bianco jemals gebaut werden – mit erhöhten Staumauern, einer neuen unterirdischen Kraftwerkszentrale und kilometerwei­se neuen Stollen –, wird dies eine neue Episode der reichen Engadiner Ener­giegeschichte sein. Der internationale Applaus für eine weitere «europäische Batterie» wäre sicher – wie in jener Som­mernacht, als Johannes Badrutt das elek­trische Licht einschaltete.


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