Wissen

15.09.19

Der Walliser Wein kommt per Kanal

Die alten Bewässerungssysteme im Wallis gewinnen wieder an Bedeutung, und die jahrhundertealten Rechtssysteme, die sie regeln, gelten noch immer.
zVg Valais – Wallis Promotion, David Carlier / zVg Anzère Tourisme
Die «Bisse suspendu» in Anzère ziert künftig die 100-Franken-Note. Der Abschnitt wurde vor einigen Jahren restauriert, zumal die eigentliche Leitung hier mittlerweile durch einen engen, aber be­geh­baren Tunnel führt.

Das Bächlein läuft in die falsche Rich­tung – fast um 90 Grad falsch. An einem Ufer geht es steil hoch und am andern steil hinunter, und der Bach fliesst parallel zum Hang. Der Bach ist eine «Suone» – oder «Bisse» auf Französisch – und bringt Wasser aus dem Hoch­gebirge in Richtung Anzère und die tieferen Regionen im Wallis. Alle paar Dutzend Meter gibt es kleine Öffnungen, meist oberhalb von Weiden oder land­wirtschaft­lich ge­nutz­ten Grund­stücken. Die Leitung quert aber auch Felswände und Tobel mit über­hängenden Felswänden. Mittlerweile führt hier die «Grand Bisse d’ Ayent» durch einen Tunnel. Doch früher zirkelten Holzkanäle das Wasser aussen um die Felswände herum. «Le Bisse suspendu», hängende Wasser­leitung, heisst dieser Abschnitt. Die einzelnen Komponenten waren so konstruiert, dass sie an Ort und Stelle nur noch zusammen­gesteckt werden konnten. Gefährlich war die Arbeit trotzdem. Diese Leitungen waren so aufwendig wie empfindlich. Noch heute haben einzelne Abschnitte vollamtliche Wärter. Sie liefen die Leitungen, die heute kilometer­lange, lauschige Wanderwege mit kaum merklicher Steigung bilden, täglich ab und übernachteten unterwegs in winzigen Häuschen. Bei jedem Häuschen gab es ein Hammerwerk. Ein kleines Wasserrad liess dort mit einem gut hörbaren «Tok, Tok, Tok» einen Holz­hammer auf ein Brettchen schlagen. Hörte das Geräusch auf, gab es ein Problem mit der Leitung.

 

Die meisten Wasserleitungen im Wallis führen mit mini­malem Gefälle den Hängen entlang und sind deshalb ideale Wanderwege.

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Das Recht von 1442 gilt noch immer
Ohne die alten Bewässerungs­systeme wäre Landwirt­schaft im Wallis kaum möglich. Die hohen Berge im Süden und im Norden schirmen das Haupttal von Nieder­schlägen ab. In Sitten fällt nur ein Drittel der Niederschlags­menge der meisten Regionen in der Deutschschweiz. Die interaktive Karte im Suonen-Museum in Anzère, auf der die einzelnen Kanäle gelb aufleuchten, sieht deshalb aus, wie wenn jemand einen Teller Nudeln über den Kanton ge­schüttet hätte. Leitungen ziehen sich durch alle Seitentäler hinaus ins Haupt­tal. Die ersten Kanäle legten schon die Römer an. Doch vor allem im Mittelalter begann der grosse Ausbau. Die Grand Bisse d’ Ayent wurde im Jahr 1442 gebaut. Damals erhielt eine noch heute existierende «Consortage», eine Art Bürger­genossen­schaft, vom Bischof von Sitten das Recht, eine Wasser­menge von knapp 400 Litern pro Sekunde aus der Lienne zu beziehen. Als in den 1950er-Jahren die Staumauer von Tseuzier gebaut wurde, ignorierte das Projekt anfangs dieses Recht. Doch die Genossenschaft prozess­ierte bis vor Bundes­gericht und ge­wann. Der Bundes­gerichtsent­scheid war wegweisend dafür, dass auch jahrhundertealte Regelungen nach wie vor Bestand haben. Diese Rechte wurden penibel kontrolliert. Die Consortage markierte die Wasser­bezüge mit Kerben auf «Tesseln» genannten Holzstäben, jede mit dem Hauszeichen der betreffenden Familien.

 

Neue Bedeutung der Leitung
In den letzten Jahren wurden viele Wasser­rechte nicht mehr so genutzt, wie man könnte. Meist hat man das Recht, einmal pro Woche drei Stunden am Tag oder sechs Stunden in der Nacht zu bewässern, und zwar eine Fläche, die so gross ist, dass man sie an einem Tag mit der Sense mähen kann. Weil das Recht an Zeiten gebunden ist und sonst verfällt, spritzen im Wallis die Bewäs­serungs­anlagen auch, wenn es in Strömen regnet. Mit steigenden Temperaturen und trockener werdendem Klima werden die Leitungen wieder wichtiger. Die Weinberge unterhalb von Anzère nutzen ihre Wasser­rechte wieder sehr sorgfältig. Sie sind durch viele Erbteilungen in winzige Parzellen zerfallen. Jede hat eine andere Rebsorte und ihr altes Wasserrecht. Und da diese Rechte vom Bundesgericht geschützt werden, sind auch alle Ände­rungen am System oder andere Nutzungen des Wassers kaum durchführbar, zumal es nicht einmal ein allgemeines Verzeichnis dieser alten Regelungen gibt.

 

Das Wasserrad mit dem Hammer macht hörbar, wie viel Wasser durch die Leitung fliesst.

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Von der Last zum Kulturdenkmal
«Bis vor Kurzem sah man hier die Bisses als Bürde», sagt Pierre-Armand Dussex vom Suonen-Museum in Anzère. Sie waren teuer im Unterhalt, die Admini­stration der Wasser­rechte war aufwendig und führte immer wieder zu Streit. Erst vor wenigen Jahren und insbesondere mit der Eröffnung des Museums im Jahr 2012 hat man hier realisiert, dass die Bisses ein wichtiges Kulturgut sind. Laut Damian Indermitte von Anzère Tourisme haben die Leitungen heute mehrere Aufgaben: die Wasserversorgung, die Erhaltung der Kultur­landschaft und die Erhaltung der Biodiversität. Sie sind aber auch selbst baukulturelle Denkmäler, und Anzère will sie nun ver­mehrt als leise touristische Attraktion vermarkten. Eine Wanderung im Halb­schatten der Bäume entlang eines leise gurgelnden Wasser­laufs erscheint als höchst verlockender Sommerausflug.

 

Die 100-Franken-Suone
Auf der eben erst präsentierten neuen 100-Franken-Note der Schweizerischen Nationalbank ist der legendäre Abschnitt der «Bisse suspendu» bei Anzère verewigt. Im Wallis ist deshalb die Freude über den neuen Hunderter gross, und das Suonen-Museum in Anzère widmet der Produktion der Noten und der Nationalbank eine spezielle kleine Ausstellung. Verewigt wurden die Suonen aber auch im Film: «An heiligen Wassern» von 1960 mit Gustav Knuth erzählt die Geschichte eines Dorfs, dessen Wasser­versorgung von einer Suone abhängig ist.

 


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