Das alpine Kraftwerk Madrisa Solar in Klosters hat im ersten Winterhalbjahr mehr Strom produziert als prognostiziert. Was das Pionierprojekt über Chancen und Grenzen alpiner Solaranlagen verrät — und warum der Solarexpress trotzdem weit hinter seinen Zielen liegt.
Das alpine Kraftwerk Madrisa Solar in Klosters hat im ersten Winterhalbjahr mehr Strom produziert als prognostiziert. Was das Pionierprojekt über Chancen und Grenzen alpiner Solaranlagen verrät — und warum der Solarexpress trotzdem weit hinter seinen Zielen liegt.
Besser als erwartet
Das Ergebnis ist klar: 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugte Madrisa Solar zwischen Oktober 2025 und März 2026. Das ist mehr, als die Betreiber berechnet hatten.
Zu diesem Zeitpunkt waren erst rund 3'600 der geplanten 25'200 bifazialen Solarmodule am Netz — knapp 20 Prozent der Gesamtanlage. Die Solarexpress-Vorgabe von 500 Kilowattstunden pro installiertem Kilowatt Leistung wurde damit klar erfüllt.
Im Endausbau soll die Anlage 11 Megawatt Leistung erreichen und rund 17 Gigawattstunden pro Jahr liefern — genug für etwa 3'500 Haushalte. Über 40 Prozent der Produktion entfallen auf das Winterhalbjahr. Die Gesamtinvestition beträgt rund 70 Millionen Franken.
Warum der Standort funktioniert
Die Anlage liegt im Gebiet «Züg» oberhalb von Klosters Dorf auf rund 2'000 Metern über Meer, mitten im bestehenden Skigebiet Madrisa. Südausrichtung, oberhalb der Waldgrenze, hohe Erträge.
Entscheidend: Die Infrastruktur war bereits da. Strassen, Stromleitungen und Bergbahnbetrieb existierten — der nötige Netzausbau blieb deshalb minimal.
Ein Teil des Stroms fliesst direkt in den Betrieb der Klosters-Madrisa Bergbahnen. Den Rest nimmt EKZ für ihr Versorgungsgebiet ab.
Vorbelastet statt unberührt
Dass die Anlage in einem bereits touristisch genutzten Gebiet steht, war auch für die Umweltschutzorganisationen ein relevantes Kriterium.
Im Gegensatz zur umstrittenen Anlage Morgeten im Simmental — geplant in bislang unerschlossenem Gebiet, bekämpft von SAC und Stiftung Landschaftsschutz Schweiz — stiessen die Pläne in Klosters auf vergleichsweise wenig Widerstand.
Schnee als Verstärker
Ein technisches Detail verdient Beachtung: Nach dem ersten Schneefall stieg die Leistung der Anlage um rund 15 Prozent.
Der Grund ist der sogenannte Albedo-Effekt. Die Schneedecke reflektiert Sonnenlicht auf die Rückseite der bifazialen Module, die auch dort Strom produzieren. Die tatsächliche Wirkung lag über den Annahmen der Planer.
Konkretes Ergebnis: Die Bergbahnen Klosters-Madrisa erzeugten in dieser Wintersaison — zusammen mit ihren eigenen Photovoltaikanlagen — erstmals mehr Energie, als sie für den gesamten Betrieb benötigten.
Der Solarexpress als Treiber
Madrisa Solar ist ein Produkt des Solarexpress — des dringlichen Bundesgesetzes von Herbst 2022. Hintergrund: die Angst vor Winterstromengpässen.
Artikel 71a des Energiegesetzes ermöglicht beschleunigte Bewilligungen und Einmalvergütungen von bis zu 60 Prozent der Investitionskosten für alpine PV-Grossanlagen. Voraussetzung: mindestens 10 GWh Jahresproduktion und ein definierter Winterstromanteil.
Zentrale Bedingung: Bis Ende 2025 mussten mindestens 10 Prozent der Anlage am Netz sein. Madrisa schaffte 15 bis 20 Prozent — und war damit das erste alpine Solarkraftwerk der Schweiz, das im Rahmen des Solarexpress Strom einspeiste.
Der Weg bis hierher
Die Vorgeschichte war lang. Im Juni 2023 gaben Repower, EKZ und die Gemeinde Klosters ihre Pläne bekannt. Am 22. Oktober 2023 stimmte die Bevölkerung von Klosters an der Gemeindeversammlung zu.
Im August 2024 erteilte die Bündner Regierung die Baubewilligung. Am 4. Juni 2025 erfolgte der Spatenstich.
Nun startet Anfang Mai 2026 die zweite und grösste Bauetappe. Bis November sollen rund 70 Prozent der Anlage am Netz sein. Die vollständige Inbetriebnahme ist für Ende 2027 geplant.
Was Kritiker einwenden
Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz besuchte die Baustelle im September 2025 und zog ein differenziertes Fazit.
Positiv: Der Standort ist vorbelastet, die Gestaltung sorgfältig. Die Stahlkonstruktion werde mit der Zeit leicht anrosten und sich farblich der Umgebung angleichen.
Kritisch: Die grossflächigen, geometrischen Strukturen greifen trotzdem massiv in die alpine Landschaft ein. Das Verhältnis zwischen Stahl und Modulen sei bei alpinen Anlagen ungünstig — die hohe Wind- und Schneelast erfordere massive Statik, die viel graue Energie koste.
Grundsätzlicher Einwand der Stiftung: Alpine PV-Anlagen rechtfertigten sich einzig wegen der Winterstromproduktion. Die Entwicklung von Speichermöglichkeiten müsse vorangehen.
Auch die Finanzkontrolle fragt nach
Die Eidgenössische Finanzkontrolle äusserte in einem Bericht Bedenken: Effektivität und Kosteneffizienz bei alpinen PV-Grossanlagen seien nicht genügend sichergestellt.
Ohne die grosszügige Bundesförderung wäre ein Projekt wie Madrisa Solar nach Einschätzung mehrerer Branchenbeobachter kaum realisierbar.
Befürworter halten dagegen: Solaranlagen im Mittelland liefern im Winter nur rund ein Viertel ihres Jahresertrags — alpine Standorte hingegen über 40 Prozent. Welcher Pfad effizienter zur Schliessung der Winterstromlücke führt, bleibt offen.
Warum Klosters Ja sagte — und Gstaad Nein
Während andere Solarexpress-Projekte an der Urne scheiterten — etwa SolSarine in Gstaad — stimmte Klosters zu. Drei Faktoren dürften entscheidend gewesen sein.
Lokale Beteiligung: Die Gemeinde hält ein volles Drittel der Madrisa Solar AG. Das Projekt wurde nicht als externes Vorhaben wahrgenommen.
Regionale Wertschöpfung: Bei Planung und Bau kamen vorwiegend regional ansässige Unternehmen zum Zug.
Direkter Nutzen vor Ort: Die Bergbahnen verbrauchen den Strom selbst, die Gemeinde profitiert als Energiestadt.
Zudem setzt die Madrisa Solar AG ökologische Ersatzmassnahmen um: Im Gebiet Rufinetia bei Saas wird eine 15'500 Quadratmeter grosse Trockenwiese von nationaler Bedeutung aufgewertet — mit gezielter Entbuschung, angepasster Beweidung und der Zurückdrängung invasiver Arten.
Der Solarexpress im Gesamtbild
Madrisa Solar ist eines von nur wenigen alpinen Solarprojekten, die den Sprung vom Plan in den Betrieb geschafft haben. In Graubünden sind daneben NalpSolar und SedrunSolar im Bau.
Schweizweit liegt der Solarexpress aber deutlich hinter seinen Zielen. Das angestrebte Produktionsvolumen von zwei Terawattstunden wird nicht annähernd erreicht, wie eine SRF-Analyse Anfang 2026 festhielt. Die Kosten sind hoch, Abnehmer für den teuren Strom schwer zu finden.
Fazit
Die eigentliche Frage: Madrisa Solar zeigt, was möglich ist, wenn Politik, Gemeinden, Energieunternehmen und Umweltverbände zusammenarbeiten: technisch funktionsfähig, politisch abgestützt, mit erstem Leistungsnachweis.
Ob alpine Solaranlagen langfristig wirtschaftlich tragbar sind — oder ob die rasante Entwicklung bei Batteriespeichern den Weg über Dachanlagen günstiger macht — ist die Frage, die über den Solarexpress hinausreicht.
Madrisa Solar — Kenndaten
Alpines Solarkraftwerk · Solarexpress
Madrisa Solar
Klosters-Prättigau GR · 2'000 m ü. M. · Erste alpine Solaranlage der Schweiz
Leistung
11
MWp (Endausbau)
Jahresproduktion
17
GWh / Jahr
Winteranteil
> 40
% im Winterhalbjahr
Investition
70
Mio. CHF
Standort & Technik
Standort
Gebiet «Züg», oberhalb Klosters Dorf
Fläche
ca. 156'800 m² (≈ 15,7 ha)
Module
ca. 25'200 bifaziale Solarmodule
Solartische
ca. 3'170 (Endausbau)
Ausrichtung
Süd, Unterkante min. 3 m ab Boden
Versorgung
ca. 3'500 Haushalte
Netzausbau
Gering — bestehende Infrastruktur
Akteure — je ⅓ Beteiligung
RP
Repower AG
Technik & Bau
EK
EKZ
Stromabnahme
KL
Gem. Klosters
Grundeigentum
Meilensteine
Juni 2023
Projektbekanntgabe
22. Oktober 2023
Gemeindeversammlung Klosters: Ja
August 2024
Baubewilligung Kanton GR
4. Juni 2025
Spatenstich
24. September 2025
Erste Einspeisung — 15–20 % am Netz
Mai 2026
2. Bauetappe → Ziel 70 %
Ende 2027
Vollständige Inbetriebnahme
Erster Winter 2025/26 — Erwartungen übertroffen
1,5 Mio. kWh produziert bei über 2 MW Leistung — mehr als prognostiziert.
Albedo-Effekt durch Schnee steigerte die Leistung bifazialer Module um ca. 15 %.
Die Solarexpress-Vorgabe von 500 kWh pro installiertem kWp wurde klar erfüllt.
Die Akteure
Madrisa Solar AG – die Bauherrin – wird von drei gleichberechtigten Partnern getragen:
Repower AG (Bündner Energieunternehmen): Bringt technisches Know-how und Managementkapazitäten ein. Da Repower bereits über genügend eigene erneuerbare Kraftwerke verfügt, wird der Strom nicht selbst genutzt, sondern an EKZ und die Bergbahnen abgegeben.
EKZ (Elektrizitätswerke des Kantons Zürich): EKZ produziert im Gegensatz zu Repower zu wenig eigene Energie, um die Kundinnen und Kunden zu versorgen. Deshalb ist EKZ in der Lage, die auf Madrisa produzierte Energie langfristig abzunehmen und reduziert dadurch das Preisrisiko bei der Energiebeschaffung.
Gemeinde Klosters: Grundeigentümerin des Standorts. Gemeindepräsident Hansueli Roth: Klosters als Energiestadt will neben den bisherigen Wasserkraftnutzungen mit der Beteiligung an Madrisa Solar einen Beitrag zum Ausbau der erneuerbaren Energien leisten.
Weitere beteiligte Akteure: Fanzun AG (technische Projektleitung/Architektur), Klosters-Madrisa Bergbahnen AG (Stromabnehmerin vor Ort), sowie regionaler Unternehmen für Planung und Bau.
Zeitlicher Ablauf
Juni 2023: Bekanntgabe der Pläne; Repower plant zusammen mit der Gemeinde Klosters und den Bergbahnen den Bau.
22. Oktober 2023: Das Stimmvolk der Gemeinde Klosters hat dem Vorhaben zugestimmt.
August 2024: Die Bündner Regierung erteilte die Baubewilligung.
November 2024: Bauentscheid durch die Madrisa Solar AG.
4. Juni 2025: Spatenstich – die offiziellen Bauarbeiten beginnen.
24. September 2025: Madrisa Solar hat begonnen, Strom ins Netz einzuspeisen – als erstes alpines Solarkraftwerk der Schweiz. Rund 15 Prozent der Anlage speist Strom ins Netz.
April 2026 (aktuell): Die zweite und grösste Bauetappe startet Anfang Mai. Ziel ist es, bis November rund 70 Prozent der 11-MW-Anlage ans Netz anzuschliessen.
Die Plattform pelletpreis.ch meldet, eine Tonne Pellets koste im Mai durchschnittlich CHF 464,20. Damit sind diese gegenüber Erdgas und Heizöl deutlich billiger.
Axpo-Tochter Urbasolar hat die Ausschreibung für den ersten langfristigen Stromabnahmevertrag (PPA) des französischen Verteidigungsministeriums gewonnen.