Warum der Winterstrom zählt
Winterstrom ist jener Strom, der im Winter im Inland die tiefere Produktion erneuerbarer Energien wie Solarenergie und Wasserkraft ausgleichen und den höheren Bedarf abdecken muss.
Winterstrom ist jener Strom, der im Winter im Inland die tiefere Produktion erneuerbarer Energien wie Solarenergie und Wasserkraft ausgleichen und den höheren Bedarf abdecken muss.
Früher war’s einfach: Lieferte die Wasserkraft zu wenig Strom, sprangen Atomkraft oder Importe ein. Doch mit dem Ausbau unterschiedlichster erneuerbarer Energien wird’s etwas komplizierter. Vor allem im Winter ist damit die Stromausbeute geringer – weniger Sonne, weniger Wasser.
Das hat Folgen. Der Verband Schweizer Elektrizitätsunternehmen (VSE) sieht die Stromversorgung gefährdet, «weil der Ausbau der Winterstromproduktion derzeit nur langsam voranschreitet». Der Stromkonzern Axpo fordert im neuesten «Energy Report» die langfristige Sicherung des Winterstroms unter anderem durch einen beschleunigten Ausbau der Windkraft und ein Förderregime, das stärker auf Winterstrom ausgerichtet wird.
Wie viel Strom letztlich in die Lücke hinein importiert werden muss, lässt sich derzeit nur schätzen. Die effektive Zahl hängt vom weiteren Verlauf des Zubaus erneuerbarer Energien und von den klimatischen Bedingungen ab.
Fakt ist: Die Schweiz darf laut Stromgesetz im Winterhalbjahr höchstens 5 TWh netto importieren, den Rest muss die einheimische Produktion tragen. Die drohende Lücke lässt sich mit diversen Produktionsarten verringern:
Windstrom: Der grössere Teil der Produktion fällt im Winterhalbjahr an. Die Windenergie deckt in der Schweiz theoretisch fast die Hälfte des Strombedarfs ab. Aufgrund des Widerstands und des langsamen Ausbaus könnte sie aber mindestens einen guten Teil des Winterstroms liefern.
Photovoltaik: Liefert im Sommer heute Strom im Überschuss, im Winter viel weniger. Die Lücke könnte mit mehr alpinen Photovoltaikanlagen und mehr Solarpanels an den Fassaden reduziert werden.
Energiespeicher: Alpine Stauseen liefern im Winter zuverlässig Strom, sofern sie im Sommer gefüllt werden. Im August 2026 waren sie allerdings nach mehreren Hitzewellen nur zu etwas mehr als 60 % gefüllt – deutlich unter dem bisherigen Mittelwert. Weitere Hitzesommer und damit Trockenheit könnten folgen, wodurch die Zuverlässigkeit der Winterstrom-Batterie leidet. Grossbatterien auf Basis verschiedener Technologien können künftig bei Netzstabilisierung und kurzfristiger Speicherung helfen.
Atomkraft: Die aktuellsten Szenarien sehen den Weiterbetrieb der alten AKW. Der Bundesrat möchte zudem wieder neue bauen dürfen. 2027 stimmt das Volk über die Aufhebung des Bauverbots für neue AKW ab.
Gaskraftwerke: Sie sind technisch machbar, stossen aber CO₂ aus. Sie könnten dereinst bedarfsgerecht Winterstrom liefern. Laut Axpo Energy Report stimmen die Rahmenbedingungen für einen Marktbetrieb aber nicht.
EU-Stromnetz: Ein Stromabkommen mit der EU ist Teil der neuen bilateralen Verträge, über die das Volk abstimmen wird. «Eine geregelte Einbindung ins europäische Stromnetz macht unser System in jedem Fall bis zu 50 Milliarden Franken günstiger und robuster», schreibt der Wirtschaftsverband economiesuisse.
Weitere grosse Windparks in der Schweiz lassen trotz erster Erfolge noch auf sich warten. Doch das soll sich jetzt ändern.
Windstrom sei der «Winterpfeiler» der Energieversorgung, heisst es auf der Website des Branchenverbands Suisse Eole. Ein frommer Wunsch ist das derzeit für die Schweiz: Stehen im angrenzenden Ausland bereits hunderte von Windkraftanlagen und deckt Windenergie bereits über 11 Prozent des weltweiten Strombedarfs ab, sind hierzulande gerade mal 50 Anlagen in Betrieb, die sich auf 14 Windparks verteilen.
Nur ein Windpark mit sechs Anlagen und 18 Megawatt Leistung befindet sich derzeit in Bau. Das Bewilligungsverfahren überstanden haben nach Jahren gerade mal zwei Windparks mit neun Anlagen und 24,6 Megawatt Leistung. Zukunftsmusik sind weitere 19 Projekte mit 131 Anlagen im Bewilligungsverfahren und 49 Projekte mit 250 Anlagen, die gerade geplant werden.
Die Zeichen für einen Boom würden eigentlich gut stehen: Laut einem neuen Bericht der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) sind die Kosten für die Stromerzeugung 2025 nur bei der Windenergie um 3 bis 4 Prozent gesunken, während sie bei Photovoltaik stabil blieben.
Die Aussichten für Schweizer Grossanlagen sind auch darum laut dem Windenergiekonzept 2035 des Branchenverbandes gut. Dieses sieht 2035 eine jährliche Stromproduktion von 5 TWh vor. Seit April 2026 gilt für Solar- und Windenergieanlagen von nationalem Interesse ein abgekürztes Plangenehmigungsverfahren. 2030 soll Windkraft 2,3 TWh Strom liefern, einen grossen Teil davon im Winter. «Wir sind bereit», sagt der Branchenverband Suisse Eole.