Kaum ist der Jahrestag verklungen, kriechen sie wieder hervor: die Atomköpfe. Nicht aus Bunkern oder Abklingbecken, sondern aus Talkshows, Bundesratszimmern, Leitartikeln und LinkedIn-Kommentaren. Sie schimmern wie frisch polierte Brennstäbe und verkünden ganz ohne Ironie: «Jetzt erst recht.»
Denn nichts beruhigt ein verunsichertes Land mehr als eine Technologie, die nur unter der Bedingung funktioniert, dass niemals etwas schiefgeht – und deren Restrisiko man charmant an künftige Generationen delegiert. Verantwortung nennen wir das. Oder Fortschritt. Oder beides gleichzeitig, je nach Tagesform.
Ein unbezahlbares Gefühl
Atomkraft, so erfahren wir nun wieder, sei rational. Wissenschaftlich. Erwachsen. Wer sie ablehnt, so der Subtext, glaubt vermutlich auch an Horoskope, Windgeister und Solarzwerge. Dass ausgerechnet Wind- und Sonnenenergie inzwischen billiger, schneller und flexibler sind als jedes neue AKW, ist dabei nebensächlich. Zahlen sind bekanntlich volatil, Gefühle hingegen stabil. Und das Gefühl, ein grosses, schweres, dampfendes Kraftwerk zu kontrollieren, ist unbezahlbar.
Besonders beruhigend ist, dass diese neue atomare Renaissance nicht von dumpfen Hinterwäldlern vorangetrieben wird, sondern von gebildeten, eloquenten Menschen mit akademischen Titeln, Diagrammen und PowerPoint-Folien. Menschen, die erklären können, warum ein GAU statistisch praktisch ausgeschlossen ist – und falls doch, dann halt Pech. Statistik ist schliesslich auch eine Form von Trost.
Sicherheit durch Nicht-Versicherung
Überhaupt: Die Schweiz liebt Sicherheit. Deshalb bauen wir Staumauern, Lawinenverbauungen – und träumen von Reaktoren, deren schlimmster denkbarer Unfall so teuer wäre, dass ihn niemand versichert. Sicherheit durch Nicht-Versicherung: ein Konzept von bestechender Logik. Wenn es keiner bezahlen kann, wird es auch nicht passieren.
Und selbst wenn: Wo gehobelt wird, fallen halt ein paar Endlager an. Für ein paar hunderttausend Jahre. Das ist in geologischen Massstäben kaum mehr als ein verlängertes Wochenende.
Die wahre Stärke der Atomkraft liegt jedoch woanders: Sie erlaubt es, alles beim Alten zu lassen. Keine Diskussion über Landschaft, Netze, Speicher, Verbrauch, Flexibilität. Keine Zumutung gegenüber Bürgerinnen und Bürgern. Keine Windräder, die den Horizont stören. Stattdessen ein paar wenige, hochkomplexe Tempel der Technik – weit vom Schuss an der Landesgrenze, hermetisch abgeriegelt, geistig ausgelagert. Energie als Dienstleistung, bitte ohne Nebenwirkungen.
Das Comeback der «Bandenergie»
Dass Uran vollständig importiert wird, stört dabei niemanden. Abhängigkeit ist schliesslich nur dann ein Problem, wenn sie Öl oder Gas betrifft. Geht’s um Uran, klingt sie nach Physikvorlesung und internationaler Kooperation. Fast schon friedensstiftend. Zumindest so lange, bis man anfängt nachzurechnen.
Auch das Argument der «Bandenergie» feiert ein erstaunliches Comeback. Konstant müsse Strom sein, hören wir, hilfreich und gut. Gleichmässig, stoisch, wie ein Uhrwerk aus den 1970er-Jahren. Dass unser Stromsystem längst von Überschüssen, Schwankungen und Flexibilität geprägt ist, wird elegant ignoriert. Atomkraft ist nicht zu träge – das System ist einfach zu neumodisch.
«Da klammert man
sich lieber an den Brennstab
als an die Einsicht.»
Man könnte fast meinen, es gehe weniger um Energie als um Weltbilder. Um die Sehnsucht nach zentraler Kontrolle in einer dezentralen Welt. Um das Unbehagen gegenüber Technologien, die nicht imponieren, sondern sich vervielfältigen. Tausend Solardächer schinden halt weniger Eindruck als ein Reaktor mit Kuppel.
Und dann ist da noch die Nostalgie. Atomkraft war einmal Zukunft. Nationale Grösse. Ingenieursstolz. Wer sie kritisiert, kratzt nicht nur an einer Technologie, sondern an Biografien. An Karrieren. An der Vorstellung, immer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben. Da klammert man sich lieber an den Brennstab als an die Einsicht.
So erklärt sich auch die erstaunliche Energie, mit der alte Debatten neu aufgelegt werden. Als hätte es Fukushima nie gegeben. Als wäre Tschernobyl eine Fussnote. Als könne man Risiken einfach wegmoderieren. Lernen gilt offenbar als optional.
Dabei wäre die Alternative längst da: banal, verteilt, unheroisch. Wind, Sonne, Wasser, Speicher, Netze. Keine grosse Erlösung, keine glänzende Maschine, sondern viele kleine Lösungen. Vielleicht ist genau das das Problem.
Denn die wahre Kränkung für den Atomkopf ist nicht der Unfall, sondern die Erkenntnis, dass man ihn nicht mehr braucht.
Aber keine Sorge: Die Schweiz ist ein lernfähiges Land. Spätestens beim nächsten Jahrestag werden wir uns wieder erinnern. Bis dahin strahlt alles weiter – vor allem die Gewissheit, dass diesmal ganz bestimmt nichts passieren wird.
Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich. Mit dieser Kolumne reitet er sein Steckenpferd, die diskrete Satire.