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Nadine Brauchli
©bha
Events und Tagungen

Mind the Gap – oder die Strombranche erkennt die Lücken im Plan

Der 19. Stromkongress im Kursaal Bern steht heute und morgen Freitag unter dem Motto «Mind the Gap». Wo sind die Stolpersteine?

Der neu von den Wirtschaftsjournalisten Andi Lüscher und Bernard Wuthrich moderierte wichtigste Kongress der Strombranche schlug gleich zu Beginn einen warnenden Ton an.

VSE-Präsident Martin Schwab stellte die Zahl 69 in den Mittelpunkt seiner Standortbestimmung: Auf diese Zahl sei die Komplexität der Energiewirtschaft zu reduzieren. Sie bezeichnet nämlich im neuen Index der Versorgungssicherheit eine Kritikalität, die besonders im Winter gravierende Folgen haben werde: «Wir haben Nachholbedarf», rief er in die Runde und mahnte zudem, 3,43 Prozent WACC seien keine Rendite, sondern Investitionen in den Netzausbau. Diese seien dringend nötig, um die Ziele bis 2050 zu erreichen.

Wünsche an die Strombranche

Ebenso zwingend die Bilaterale III mit dem Stromabkommen. Für dieses sei jedoch kein «Swiss Finish» notwendig – zu teuer, zu bürokratisch. Es brauche zudem eine diskriminierungsfreie Marktliberalisierung, die neue Player nicht bevorzuge.

«Wir unterschätzen immer noch den Einfluss der Solarenergie», rief Schwab Minuten später ins dicht besetzte Kursaal-Plenum. Sie sei zwar gut, vor allem, wenn sie direkt vor Ort verbraucht wird, «jedoch wollen wir keine überhöhten Preise für Strom im Sommer bezahlen». Er plädiert für das direkte Weitergeben von Preissignalen aus dem Markt und für die Fokussierung der Anstrengungen auf den sonnenschwachen Winter.

Von der Strombranche wünscht er sich gute Prognosen für weniger Ausgleichsenergiekosten und die Einführung von Leistungstarifen, um die Netzkosten gerechter zu verteilen. Zwingend für Schwab sind dynamische Tarife mit automatisch verarbeiteten Preissignalen. «Es wird ohne diese nicht funktionieren!» Die Einführung und Etablierung dauere aber eher Jahrzehnte statt Jahre, doch müsse man jetzt damit beginnen.

Vorwürfe aus dem Publikum, der Stromversorgungs-Index sei zu pessimistisch, konterte Schwab mit der Bemerkung, was passiere denn, wenn man zu optimistisch sei: «Wir schleppen Jahre an Legacy-Investitionen mit uns herum», sagte er. Damit meinte er wohl auch: Frühzeitig Alarm zu schlagen ist nötig, um das Ziel bis 2050 zu erreichen. «Strom ist das neue Öl der Volkswirtschaft!»

Werden wir im Winter zu wenig Strom haben?

Besonders im Winter ist die Versorgung nicht gewährleistet. Davor warnte die nächste Rednerin Nadine Brauchli, Bereichsleiterin Energie beim Verband.

Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz bildet die zukünftige Versorgungslage verständlich ab und dient als Frühwarnsystem. Er bewertet den erwarteten Versorgungsgrad anhand relevanter Indikatoren, mit Fokus auf das Winterhalbjahr. Stromnachfrage, erneuerbare Energien, Flexibilität, zusätzliche Stromproduktion und Netz.

Mit 69 Punkten liegt der Index gleich bei seiner ersten Ausgabe im 2026 im kritischen Bereich. Mitverantwortlich für das schlechte Abschneiden sind laut Brauchli unter anderem die erwarteten Verbrauchszunahmen durch Elektromobilität und neue Rechenzentren in der Schweiz, der schleppende Produktionsausbau für das Winterhalbjahr, das noch ausstehende Stromabkommen mit der EU und der stark verzögerte Ausbau von Produktionstechnologien sowie der Verteil- und Übertragungsnetze. Letzteres soll sich mit dem Netzexpress, der im Parlament hängt, verbessern. Dann würde sich laut Brauchli auch der regelmässig aktualisierte Index verbessern.

AKW helfen (vorerst) nicht

Von neuen AKW vor 2050 geht der VSE nicht aus, somit sind die derzeitigen politischen Debatten und die Volksabstimmung zum Verbotsausstieg im Index nicht berücksichtigt. Den Vorwurf der Parteilichkeit, höflich formuliert in einer Zuhörerfrage, wies sie zurück. Es seien objektive Indikatoren gewählt worden.

Bernard Fontana, Direktor des französischen Energieversorgers EDF, der mit 57 AKW einen grossen Anteil an der Stromversorgung Europas und zeitweise auch der Schweiz hat, wies in seinem Vortrag auf das grössere Bild hin: Die Produktion einer CO₂-armen Stromversorgung sei ein wichtiges Projekt der europäischen Souveränität – wobei er als AKW-Betreiber natürlich auch seinen Reaktorpark mit Solar-, Wind- und Wasserkraft diesbezüglich gleichstellt.