In Zürich werden wieder 17 neue Velostreifen eröffnet, in Bern debattiert man über die exakte CO₂-Bilanz von Mandelmilch, und irgendwo im Aargau wird ein Einfamilienhaus energetisch auf Minergie-P-Eco-Plus-Standard nachgerüstet. Die Wärmepumpe summt wie ein zufriedenes Insekt, während die Bewohner bei 18,5 Grad Raumtemperatur verantwortungsvoll frösteln.
Gleichzeitig, nur ein paar tausend Kilometer entfernt, verdampfen gerade mehrere Millionen Liter Diesel in einem brennenden Treibstofflager. Eine schwarze Rauchwolke steigt auf – so dicht, dass sie selbst aus dem All wie ein Ausrufezeichen wirkt. Aber keine Sorge: In Winterthur wurde soeben ein weiterer Parkplatz durch einen Baum ersetzt.
Man muss Prioritäten setzen
Moderne Klimapolitik ist schliesslich eine Frage der Haltung. Und Haltung hat man in der Schweiz. Man steht aufrecht im Gegenwind – vorzugsweise aus einer kontrollierten Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.
Natürlich weiss man auch hierzulande, dass Krieg schlecht ist. Für die Menschen. Für die Infrastruktur. Und leider auch fürs Klima. Denn nichts ist so unerquicklich wie ein explodierendes Öldepot, das sich nicht an die Pariser Klimaziele hält. Besonders unhöflich ist Methan, das einfach ungefragt aus zerfetzten Pipelines entweicht, ohne vorher eine Kompensationsabgabe zu entrichten.
Das ist regelrecht unanständig
Währenddessen bemüht sich die Schweiz redlich, ihre Emissionen um ein paar Promillepunkte zu senken. Man rechnet, optimiert, kompensiert. Man ersetzt Plastikstrohhalme durch Papierstrohhalme, die sich nach drei Schlucken auflösen – ein symbolischer Akt von grosser moralischer Tragweite.
Die globale Realität hingegen ist weniger symbolisch
Dort wird verbrannt, gesprengt, geflutet und zermahlen. Städte werden zu Staub, und der Staub wird später mit CO₂-intensivem Beton wieder materialisiert. Ein perfekter Kreislauf, wenn man es richtig betrachtet: Zerstörung als Konjunkturprogramm für die Emissionsbilanz.
Aber die Schweiz bleibt standhaft
Sie liefert keine Waffen. Sie liefert lediglich Präzision. Und Sensoren. Und Mikroelektronik. Und gelegentlich Maschinen, mit denen man Dinge herstellen kann, die dann – rein zufällig – explodieren. Doch das ist selbstverständlich etwas völlig anderes. Schliesslich ist ein GPS-Modul kein Panzer, genauso wenig wie ein Zündmechanismus eine Explosion ist. Das wäre ja noch schöner.
Die Schweiz ist neutral. Und Neutralität bedeutet bekanntlich, dass man nicht Partei ergreift – sondern nur die Komponenten bereitstellt.
Während also irgendwo ein Drohnenschwarm seine Ziele findet, vielleicht mit Hilfe feinster Technologie aus einem Alpenland, wird hierzulande darüber diskutiert, ob man die Bevölkerung stärker für klimafreundliche sanitäre Installationen sensibilisieren sollte. Zwei Minuten effizienter duschen – und schon ist die Welt ein bisschen lebenswerter.
Fast rührend
Und dann wäre da noch die grosse Hoffnung: die Atomenergie. Denn wenn die Welt schon brennt, könnte man sie ja wenigstens CO₂-arm beleuchten. Neue Atomkraftwerke sollen her, sauber, sicher, modern. Eine beruhigende Vorstellung – besonders in einer Zeit, in der man beobachten kann, wie empfindlich solche Anlagen auf militärische Aufmerksamkeit reagieren.
«Ein Treffer hier, ein Stromausfall dort – und plötzlich wird aus einem AKW ein geopolitisches Experiment mit offenem Ausgang.»
Aber auch das ist vermutlich nur eine Frage der richtigen Kommunikation. Vielleicht nennt man es einfach «unkontrollierte, aber klimaneutrale Energieverteilung».
Die Schweiz denkt voraus
Man plant Netze, Speicher, Szenarien. Man modelliert die Zukunft in Excel-Tabellen, fein säuberlich getrennt nach Sektoren. Verkehr, Gebäude, Industrie. Krieg kommt in diesen Tabellen selten vor. Er passt nicht so gut zwischen «Szenario 1» und «Szenario 2».
Und überhaupt: Was soll man tun? Die Welt retten ist schwierig genug, selbst ohne explodierende Infrastruktur. Also konzentriert man sich auf das, was man kontrollieren kann. Den eigenen Fussabdruck. Möglichst klein, möglichst sauber, möglichst zertifiziert.
Während draussen der Planet in Flammen steht, hat man wenigstens die Gewissheit, dass der eigene Müll korrekt getrennt wurde.
Das ist doch auch etwas
Vielleicht ist das tatsächlich die eigentliche Stärke der Schweiz: die Fähigkeit, zwei Realitäten gleichzeitig sauber zu verwalten. Hier die wohltemperierte Ordnung, dort die entgleiste Welt. Hier Wärmepumpe, Solardach und Effizienzlabel, dort brennende Depots, zerrissene Leitungen und eine Emissionskurve, die sich nicht für nationale Zuständigkeiten interessiert.
Ein Land, das CO₂ einspart – und gleichzeitig Teil jener Lieferketten bleibt, in denen CO₂ in ganz anderen Grössenordnungen freigesetzt wird. Ein System, das lokal korrekt funktioniert und global folgenlos bleibt.
Man könnte sagen: Es passt alles.
Nur nicht zusammen. Die innere und die äussere Welt – zwei perfekte Wahrheiten. Die sich nie begegnet sind.
Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich. Mit dieser Kolumne reitet er sein Steckenpferd, die diskrete Satire.