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iStock / Hanspeter Jost Wie hier beim Windpark auf dem Mont Soleil bieten nicht nur die Alpen, sondern vor allem auch die Jurahöhen ideale Bedingungen für Windenergie.
Ökologie

Schweizer Windmühlen drehen langsam

Die Gerichte widerlegen ein Vorurteil nach dem anderen. Windenergie­anlagen haben es nicht leicht in der Schweiz. Gegen die meisten Projekte hagelt es Einsprachen, selbst wenn sich die Standortgemeinden mit grossem Mehr dafür entschieden haben.

Interessanterweise sind die Gegner jeweils oft nicht jene Organisationen, die sich intensiv mit Ökologie und Nachhaltigkeit befassen wie WWF, Pro Natura oder Greenpeace, sondern Organisationen wie Paysage Libre, denen es weniger um die Natur an sich geht als um eine freie Aussicht. Sie stören Windenergie­anlagen genauso wie Strommasten – alles, was sichtbar ist.

Ökologie versus Landschaftsschutz

Dagegen können unsichtbare Dinge noch so unökologisch sein, etwa unterirdisch verlegte Höchstspannungs­leitungen, für die ein zwei Meter tiefer Graben und eine Baupiste so breit wie eine doppel­spurige Autobahn nötig sind. Die Landschafts­schützer sind trotzdem dafür. Denn Landschafts­schutz ist absolut nicht dasselbe wie Umweltschutz oder gar Ökologie. Als Argumentation werden dann schein­ökologische Gründe geltend gemacht – etwa die angebliche Gefahr von Windanlagen für Vögel. Solchen klassischen Nimby-Organisationen (Nimby = Not in my backyard = nicht in meinem Hinterhof) macht nun das Bundes­gericht immer öfter einen Strich durch die Rechnung. Es hat in seinen Entscheiden von 2021 und 2022 die Argumentationen regelrecht zerzaust. So wird nun bei vielen Projekten das übergeordnete Interesse höher gewichtet als eine unverbaute Aussicht. Ebenfalls unhaltbar ist mittlerweile das Argument, Windanlagen seien eine Gefahr für Vögel. So sterben in der Schweiz jährlich 36 Millionen Vögel durch menschliche Einwirkungen: 30 Millionen durch Hauskatzen, 5 Millionen durch Glasscheiben, 1 Million im Verkehr und 20 Stück pro Jahr und Windanlage, insgesamt 820. Die Messungen wurden zudem an Windanlagen ohne Radar gemacht, die sich bei Vogelzügen in der Nähe automatisch ausschalten.

Doch im Gegensatz zu Windanlagen ist für grosse Glasfassaden keine Umwelt­verträglichkeits­prüfung bezüglich Vogel­verträglichkeit vorgeschrieben. Ebenfalls widerlegt ist das Argument der angeblich grossen Abfallmengen. Der nach 25 Jahren anfallende Kunststoff­müll ist pro versorgtem Haushalt kleiner als die Menge Hausmüll eines solchen Haushalts pro Monat. Zudem gibt es mittlerweile chemische Verfahren, die den Kunststoff von ausrangierten Windturbinen­flügeln wieder in die petrochemischen Ausgangs­stoffe zurück­verwandeln und die Glas- und Kohlefasern weiter­verwenden. Bei neueren Windanlagen sind diese Rezyklier­prozesse bereits in die Chemie der Kunststoffe miteingebaut, sodass die Wieder­aufarbeitung zu Kunststoff-­Rohstoffen schneller und mit wesentlich weniger Energie­aufwand funktioniert.

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Auch wenn der Tod eines Steinadlers Schlagzeilen macht: Es sterben nur sehr wenige Vögel an Windkraftanlagen. Einige Betreiber richten an den Masten sogar Nistmöglichkeiten für Greifvögel ein, die dann andere Vögel von den Anlagen fernhalten.

Brachliegendes Potenzial

Damit gibt es in der Schweiz immer weniger juristische Möglichkeiten und ökologisch fundierte Gründe, um den Bau von Windparks um Jahre zu verzögern. Damit sollte die Technologie endlich in Fahrt kommen. Insgesamt waren in der Schweiz Ende 2020 nur 41 Gross­wind­anlagen in Betrieb mit einer installierten Leistung von insgesamt lediglich 81 Megawatt. Das entspricht ungefähr der Leistung eines Fluss­kraftwerks im Rhein zwischen der Aaremündung und Basel. Allerdings werden diese Wind­anlagen nicht so viel Strom liefern wie ein Fluss­kraftwerk, weil der Wind nicht so gleichmässig bläst, wie die Flüsse Wasser liefern.

Auf der anderen Seite ist das Potenzial der Schweizer Wasserkraft schon seit den 1970er-Jahren weitgehend ausgereizt. Verbesserungen sind nur noch hinter dem Komma möglich. Das Wind­potenzial dagegen ist noch praktisch ungenutzt. Unser Nachbar Österreich hatte bei doppelter Landes­fläche und etwa gleich grosser Bevölkerung und ähnlicher Topografie schon 2015 mehr als 1000 Windanlagen in Betrieb – so viele, wie die Schweiz erst für 2050 anpeilt. Es könnte also deutlich schneller gehen – allein schon, wenn jene 300 konkreten Windprojekte, die gegenwärtig auf Gerichts­entscheide warten, endlich gebaut werden könnten.

20-mal so viel Leistung in Baden-Württemberg

Wie stark die irrationalen Bremser hierzulande sind, zeigt nicht nur ein Blick auf die Nachbarländer, sondern vor allem auch auf die Nachbar­regionen, die etwa gleich gross sind wie die Schweiz. So hat die französische Region Bourgogne-Franche-Comté an der Nordwest­grenze der Schweiz knapp 10-mal so viel installierte Windleistung wie die Schweiz; Baden-Württemberg an der Nordgrenze sogar 20-mal die Leistung der Schweiz. Insgesamt wurden in Europa allein im Jahr 2020 trotz Pandemie­restriktionen Windkraft­anlagen mit mehr als 14 Gigawatt Leistung installiert. Das entspricht der installierten Leistung von elf Leibstadt-Atomreaktoren und der gesamten Strom­produktion von zwei Leibstadt-­Reaktoren. Dagegen ist in Europa in den letzten 15 Jahren nur ein einziger Kernreaktor neu in Betrieb gegangen, zwei weitere sind im Bau. Wind­energie kann deshalb sehr viel schneller sehr viel mehr Strom sehr viel billiger liefern als Kernenergie, die Anfang 2022 von rechts­bürgerlichen Parteien wieder ins Spiel gebracht wurde. Des Weiteren sind Windparks einfacher zu finanzieren, zu bauen und zu betreiben.

Ein weiterer wichtiger Vorteil von Windkraft­anlagen ist, dass zwei Drittel der Windenergie im Winter und in der Nacht anfallen, was das Speicherproblem entscheidend entschärft und Windanlagen für die Schweiz zusätzlich attraktiv macht, weil sie auf diese Weise den durch die Abschaltung von thermischen Kraftwerken wegfallenden Bandstrom ein gutes Stück weit kompensieren können. Aufgrund dieser Charakteristik spart jeder in die Windenergie investierte Franken laut dem Branchen­verband Suisse Éole fünf Franken Investitionen in Produktions- und Speicher­technologien für andere Systeme. Wichtig ist, dass dieses Geld aber in reale Anlagen fliessen kann und nicht in juristischen Schein­gefechten über Aussicht und Sichtbarkeit von Rotoren verpufft.

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