Zum Hauptinhalt springen
Der Kupfermann
Foto: Tobias Gerber
Lösungen

Der Kupfermann

Tonnen von Kupferkabeln liegen im Schweizer Boden. Bisher gibt es kaum eine Alternative zum gut leitfähigen Material. Jeremias Ritter kümmert sich beim Bieler Energienetzbetreiber ESB um die Unternehmensentwicklung. Und um einen neuen Kreislauf für altes Kupfer.

Weniger CO2 bis 2050 klingt erst einmal einfach. Die Realität ist jedoch komplexer. Das Ziel heisst «netto null» und nicht null, was physikalisch gar nicht möglich wäre. Es bedingt ein Zusammenspiel von kleinen und grossen Lösungen. Einen dieser kleinen, aber wirksamen Beiträge hat Jeremias Ritter, Spezialist Unternehmensentwicklung des Bieler ESB, angestossen: einen einfachen Recycling-Prozess für Kupferkabel.

 

43 Tonnen Kupfer verbaut der Verteilnetzbetreiber jedes Jahr und reisst alte Kupferkabel aus den Gräben. «Alt» bedeutet vor allem: Die Ummantelung der Kabel wird mit der Zeit spröde, das Kupfer selbst wäre noch brauchbar. Hier setzt Ritters Idee an, die er nach einem runden Tisch der Branche mit Tom Frey vom Lieferanten Kablan entwickelt hat. «Bei einem Feierabendbier », sagt Ritter schmunzelnd, stolz auf das Pilotprojekt. Seit bald einem Jahr läuft es und soll im Sommer 2026 abgeschlossen und ausgewertet werden. Sein vorläufiges Fazit: «Es hat intern zu keinem spürbaren Mehraufwand geführt.»

Kupfer für Stromleiter bevorzugt

Das Halbedelmetall Kupfer (Cu) ist leicht zu verarbeiten und vielseitig einsetzbar.

In den ältesten Kulturen wurde es gewonnen und verarbeitet; die «Kupfersteinzeit » hält im Grunde bis heute an, denn kaum ein Metall ist so verbreitet, auch wenn sich etwa die Telekommunikationsindustrie mit dem Verbauen von Glasfaserkabeln davon verabschieden will – was aber noch längst nicht überall der Fall ist. In vielen Gemeinden führen immer noch Kupferkabel vom Quartier bis ins Büro oder in die Wohnung. 

Kupfer ist nicht nur korrosionsbeständig und leicht formbar, sondern verfügt auch über eine hohe elektrische Leitfähigkeit, die zweitbeste nach Silber. Für Stromkabel wird Kupfer von höchstem Reinheitsgrad von mehr als 99,9 Prozent verwendet – Verunreinigungen wie Phosphor oder Eisen würden die Leitfähigkeit herabsetzen. Werden solche Kabel nicht dauerhaft überlastet, übertragen sie mehr als 40 Jahre lang zuverlässig Strom. 

Eine Alternative zu solchen zugfesten, flexiblen Elektrolytkupferkabeln wären Stromkabel aus Aluminium. Seine technischen Eigenschaften machen das Metall für Verteilnetze im Niederspannungsbereich und in Gebäuden aber oft noch zur zweiten Wahl – Kupfer überwiegt hier. So müssten solche Kabel voluminöser ausgelegt werden. Zudem sind sie weniger bruchfest und Unterhaltsarbeiten ziehen Stromabschaltungen nach sich. Aluminiumkabel sind dafür billiger und werden meist für die «Stromautobahn» und im Mittelspannungsnetz verwendet, da die Nachteile hier kaum eine Rolle spielen, dafür aber fast die Hälfte der Kosten eingespart werden kann.

2T4A7697_TG_Print.jpg

Das «Greenlabel»-Projekt

Um die Kosten ging es Jeremias Ritter auch, vor allem aber um den CO2-Fussabdruck, den das Herausreissen alter Kabel verursacht, die eigentlich nur einen neuen Mantel bräuchten. Ausserdem vermischen sich unterschiedliche Kupferqualitäten im nachfolgenden herkömmlichen Recyclingprozess. Somit ist der Fussabdruck von Kupferkabeln hoch. Bei der Kupfergewinnung des endlichen Metalls wird viel CO2 freigesetzt: Laut dem deutschen Kupferverband sind es vier bis fünf Kilogramm pro Kilogramm Kupfer, andere Einschätzungen kommen auf sieben bis acht.

Abisolieren ist jedoch nicht einfach, zudem werden die alten Kabel in unterschiedlichsten Längen zum Ersatz fällig: «Das wäre ein viel zu grosser Aufwand.» Es musste doch einfacher gehen! Ritter entwickelte gemeinsam mit Kablan und den internen Fachleuten einen einfachen, geschlossenen Recyclingprozess, der seit Frühling 2025 im Rahmen einer Baustelle getestet wird. Der ESB retourniert die aus dem Boden geholten alten Kabel an einen zertifizierten Entsorger. Dieser sortiert die Materialien und trennt sie. Sie dürfen nicht mit anderem Kupfer gemischt werden. 

Das Kupfer wird zerkleinert und eingeschmolzen. Aus dem geschmolzenen, nach wie vor reinen Kupfer werden neue Kabel gezogen, die der ESB zu einem günstigeren Preis zurückkauft – dank Kupfer-Herkunftsnachweis fällt der Rabatt entsprechend der Altkabelmenge grösser aus. Entscheidend sei aber, so Ritter: «Auf diese Weise entsteht ein virtueller Kreislauf, der die sogenannten Scope-3-Emissionen verringert. Dabei handelt es sich um indirekte Treibhausgas- Emissionen.» Ritter erwartet eine Reduktion des CO2-Ausstosses um 50 Prozent. 

«Greenlabel» nennt sich der Prozess und lehnt sich an bestehende Standards und Abläufe an. «Das Ziel von greenlabel.ch ist es, das Upcycling von Altkupfer zu fördern, um den Einsatz von Sekundärkupfer in neuen Kabeln zu erhöhen», sagt Tom Frey, Mitglied der Geschäftsleitung von Kablan.

2T4A7448_TG_Print.jpg

Grüne Anreize schaffen

Jeremias Ritter ist ein wenig stolz darauf, was er gemeinsam mit Kablan und seinen Fachleuten angestossen hat. Seit acht Jahren tüftelt er beim ESB an neuen Ideen, gestaltet Prozesse effizienter und beobachtet die Entwicklungen in der Energiebranche, die sich stark wandelt. Dabei kommt ihm zugute, dass er kein Fachspezialist ist und so seiner Rolle besser gerecht werden kann: relevante Themen aufspüren, Kongresse besuchen, Prozesse aufbauen und pflegen. Der Betriebsökonom interessierte sich schon immer für Energie, war zeitweise für einen inzwischen insolventen Wechselrichter- Hersteller im Marketing tätig. Pragmatismus zeichnet ihn aus. Er setzt auf Anreize, im Fall der Kupferkabel auf günstigere Beschaffungskosten und ein System, das die internen Arbeitsabläufe kaum verändert. Entsprechend sind die Rückmeldungen auf das Pilotprojekt bisher positiv. 

Er will weiterhin seinen Beitrag leisten, um den Energienetzbetreiber und Versorger ESB fit für einen Markt zu machen, der sich erst in den Grundzügen abzeichnet und in dem noch viel zu tun ist. Investitionen in Windkraftwerke etwa, die Integration von immer mehr Daten in den Betrieb der Energienetze oder der Aufbau eines eigenen Energiespeichers zusammen mit der Entwicklung des passenden Geschäftsmodells. Und die Nachhaltigkeit, Teil des politischen Auftrags, ist schwierig umzusetzen, auch im Alltag des Familienvaters. Er fährt mit dem Velo zur Arbeit, setzt auf nachhaltig produzierte Lebensmittel und liebt seinen biodiversen Garten. «Schon bei der Mode wird es schwierig», sagt er. Als Energieversorger gilt es, Versorgungssicherheit zu bieten, was seinen Preis hat. Umso wichtiger, auch die vermeintlich kleinen Schätze zu heben wie die alten Stromkabel unter den Bieler Strassen.

2T4A7608_TG_Print.jpg
Leitmaterialien.png

Neues Kabelrecycling- Modell

Greenlabel ist 2025 mit einem ersten Pilotversuch und mehreren Unternehmen gestartet (siehe Haupttext). Das für die Herkunftsnachweise genutzte System basiert auf der neuen ISONorm 13659. Greenlabel hat einen der ersten Materialkreisläufe, der sich an dieser neuen Norm orientiert. Das System wird von EVU Partners unabhängig überprüft. Es lässt sich auch auf andere Bereiche ausdehnen, in denen Kupferkabel zum Einsatz kommen, beispielsweise in der Telekommunikation oder der Elektroinstallationsbranche.

Mehr Informationen