Wie hilft jene Intelligenz, die SmartGridready im Claim führt, grosse Stromerzeuger wie AKW durch erneuerbare Energie zu ersetzen?
Maike Schubert: Das Stromsystem vollzieht derzeit einen Paradigmenwechsel. Weg von der zentralen, kontinuierlichen Produktion hin zur dezentralen, erneuerbaren Erzeugung. Der hohe Anteil erneuerbarer Energie aus Solar und Wind erfordert ein flexibleres Stromsystem, um Schwankungen in der Produktion auszugleichen und die Versorgungsnetze stabil zu halten.
Was heisst das konkret?
Flexible Verbraucher wie Wärmepumpen, Elektroautos, Boiler et cetera müssen ihren Bedarf möglichst zu Zeiten decken, in denen viel Energie erzeugt wird. Zudem müssen Speicher Lücken schliessen und hohe Leistungsspitzen abfangen. Intelligente Steuerung und eine gute Datenverfügbarkeit auf allen Netzebenen sind dazu unabdingbar.
Was ist zu tun?
Um heute und in Zukunft ein Gebäudesystem wirtschaftlich zu betreiben, müssen die verschiedenen Systemkomponenten aufeinander abgestimmt sein und miteinander kommunizieren. Und genau daran arbeiten wir bei SmartGridready. Nehmen wir das Beispiel EMS: Ein Energiemanagementsystem steht im Zentrum eines Gebäudesystems, es steuert Produktion und Verbrauch intelligent. Wir sind der Überzeugung, dass jedes Gebäude ein EMS braucht – aber welches ist das richtige? Auf dem Markt gibt es eine grosse Auswahl, aber nur wenig Transparenz. Hier setzen wir mit unserem EMS-Label an.
Was definiert dieses Label?
Mit dem EMS-Label sorgt SmartGridready in erster Linie für Transparenz. Welches EMS kann dynamische Tarife auslesen? Welches steuert mein System kostenoptimiert? Das gilt für Wohngebäude ebenso wie für Gewerbe und Industrie.
Worauf achtet man bei der Anschaffung von Geräten oder Anlagen und bei der Auswahl eines passenden Installations- und Technologiepartners?
Mit unserer Plattform für dynamische Tarife wollen wir für Transparenz und Orientierung sorgen. Hier sehen Endkunden auf einen Blick, ob sie die Möglichkeit haben, von dynamischen Tarifen zu profitieren. Und sie finden alle relevanten Informationen zur Integration der Tarife zentral an einem Ort. Bei der Anschaffung von Energie- und Lastmanagementsystemen – inkl. Lademanagement – oder auch Wechselrichtern mit der Option, einen Batteriespeicher zu steuern, sollte man darauf achten, dass die Möglichkeit zur automatisierten Auslesung von dynamischen Tarifen besteht. Hier arbeiten wir an einem neuen Service: Die Plattform wird mit einer Liste von EMS ergänzt, die dynamische Tarife verarbeiten können.
Ein gutes System beginnt bei der Planung. Wie stellt man als Gebäudebesitzer sicher, dass ein Planungsbüro über die entsprechenden Kompetenzen verfügt?
Bei der Zusammenarbeit mit Planern und Installateuren sollte man darauf achten, dass diese Erfahrung mit der Integration von Gesamtsystemen haben und sich stetig weiterbilden. SmartGridready arbeitet mit Planerinnen und Planern zusammen, um Wissenslücken zu schliessen, wir entwickeln Kurs- und Weiterbildungsmodule – viele davon gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Swissolar. Mittelfristig ist es unser Ziel, Planerinnen und Planer auszuzeichnen, die Systeme zuverlässig und nach Kriterien des Gebäudelabels von SmartGridready integrieren.
Netzdienliche Systeme helfen Netzbetreibern, ihr Netz stabil zu halten. Was haben Anlagenbetreiber davon?
Heute erhalten sie vor allem Zukunftssicherheit, was die Rentabilität der Anlage betrifft. Netzdienliche Systeme werden nur dann verbaut, wenn Kunden von dynamischen Tarifen oder anderen Preisanreizen profitieren. Wir stehen hier am Anfang einer tiefgreifenden Veränderung: Anreize werden zum Standard, wir sind überzeugt, dass sie sich rasch etablieren. Auch die dynamische Abnahmevergütung ab dem kommenden Jahr wird neue Anreize bringen. Deshalb sollten Energiesysteme mit flexiblen Verbrauchern schon heute so geplant und gebaut werden, dass sie mittelfristig kostenoptimiert betrieben werden können: Mit gut ausgewählten EMS und einer zuverlässigen Systemintegration.
Am diesjährigen Stromkongress hiess es: Die Transformation des Energiesystems geht zu langsam voran. Teilen Sie diese Einschätzung?
Geht sie langsam oder zu langsam voran? Natürlich wünschen wir uns, dass es schneller geht. Was man dabei nicht ausser Acht lassen darf: Viele Themen sind neu, die Herausforderungen sind komplex, der Markt ist stark segmentiert, die verschiedenen Player haben zum Teil gegenläufige Interessen. Wir verstehen uns als Plattform, die vermittelt: Bei uns arbeiten Vertreter aus den verschiedenen Sektoren an praxistauglichen und technologieoffenen Lösungen.
Was muss geschehen, damit mehr Dynamik entsteht?
Damit die Energiewende gelingt, braucht es rasch die richtigen Anreize für die netzdienliche Nutzung von Flexibilitäten, auch dezentral auf den Netzebenen 6 und 7. Aus unterschiedlichen Gründen sind noch nicht alle Netzbetreiber bereit, diesen Weg heute schon einzuschlagen. SmartGridready unterstützt über die Harmonisierung und Veröffentlichung von Lösungen gerade auch kleinere Netzbetreiber, sich auf die neuen Rahmenbedingungen auszurichten und so rascher den Weg Richtung Flexibilitätsnutzung einzuschlagen.
Wo steht SmartGridready heute und wie sieht die Roadmap aus?
Das Thema Intelligenz im Stromnetz wird relevanter, das Interesse ist entsprechend gross. SmartGridready setzt sich branchenübergreifend für gute und harmonisierte Lösungen ein. Mit Produkten wie dem Grid Interface bieten wir Konzepte, welche die Kommunikation zwischen der Netzseite und lokalen Energiesystemen/EMS ermöglichen. Mit dem Gebäudelabel zeichnen wir Energiesysteme aus, die so geplant sind, dass die Leistung am Anschlusspunkt generell oder auf Abruf begrenzt werden kann. Da die Nachfrage nach Transparenz im Bereich der EMS sehr hoch ist, lancieren wir im Herbst unser EMS-Label, das Produkte auszeichnet, die Energiesysteme nachweislich nach unterschiedlichen Aspekten optimieren können.
Welches sind die grössten Herausforderungen derzeit für SmartGridready selbst?
Erstens: Die Entwicklungen im Bereich Smart Grid sind sehr dynamisch. Als Verein mit begrenzten Ressourcen ist es schwierig, Schritt zu halten. Unsere Mitglieder helfen uns dabei, agil zu bleiben und Lösungen zu entwickeln, die auf dem Markt relevant sind. Zweitens: Die Harmonisierung unterschiedlicher Anspruchsgruppen ist aufwändig, auch, weil der Nutzen nicht von vornherein immer klar ist. Das ist das Los des Pioniers: Es braucht Vorleistungen und Vorarbeit, bis SmartGridready, die Rolle des Vereins und seine Produkte akzeptiert sind.
Sie arbeiten an standardisierten Schnittstellen für die Schweiz, an Lösungen, die mehr als 600 Verteilnetzbetreiber überzeugen sollen. Stichwort Kantönligeist: Wie soll das funktionieren?
Es gibt keinen anderen Weg: Netzbetreiber sind auf Zuverlässigkeit angewiesen, wenn sie Flexibilitäten nutzen möchten. Egal, ob über Anreiztarife oder Ansteuerung, es braucht einheitliche Lösungen. EMS können nur dann zuverlässig steuern, wenn die Umsetzung einheitlich ist – und nicht in jedem Netzgebiet andere Schnittstellen konfiguriert werden müssen und andere Reaktionen erwartet werden.
Wie gelingt es, unterschiedliche Anspruchsgruppen und Gewerke zusammenzubringen?
Das ist ebenso herausfordernd wie notwendig. In einem vernetzten Energiesystem kann man PV nicht mehr allein und losgelöst von Speichern oder Verbrauchern betrachten. Dazu muss man auf allen Ebenen der Branchen und Gewerke denken: Bei der Regulierung, bei technischen Lösungen, bei der Planung und Inbetriebnahme einzelner Energiesysteme. SmartGridready trägt dazu bei, die unterschiedlichen Branchen und ihre Ansprüche zusammenzubringen: In der täglichen Arbeit zur Harmonisierung aber auch über die Mitgliedschaft in der Initiative Energiesystem Gebäude und Mobilität, in der wir mit Swissolar, der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz (FWS) und Swiss eMobility zusammenspannen.
Der Verein SmartGridready hat in den letzten Jahren an der Gestaltung der neuen Tariflandschaft mitgearbeitet – eine führende Rolle hatte dabei Maike Schubert inne, die nun die Geschäftsleitung von SmartGridready übernimmt. Die Physikerin engagiert sich seit über zehn Jahren für die Energiewende in der Schweiz: Einerseits als Projektleiterin beim Zürcher Beratungsunternehmen Weisskopf Partner GmbH, andererseits als technische Verantwortliche von SmartGridready.
www.smartgridready.ch